Das Tier im Dschungel

Existentialismus der 2020er?

Oder genauer: Liebes-Existentialismus der 2020er?

Fast wie eine Warten-auf-Godot-Situation im Areal der Liebe. Fast wie eine theatrale Installation vor dem Hintergrund wogender Discoleiber als Augenschmaus, als Bilder- und Tonrausch. Worauf warten wir? Und wenn es da ist, was dann? Die Liebe zerstört sich, wenn sie da ist. Die Liebe, das ist das Nicht-Erfüllte, das Geheimnisvolle.

Der Film von Patric Chicha, der mit Axelle Ropert, Jihane Chuaib nach Henry James auch das Drehbuch geschrieben hat, wirkt wie eine Illustration zum Ni-Yung aus Past Lives von Celine Song. Aber auch wieder nicht. Es wirkt hier nicht wie eine Variation zu den Wahlverwandtschaften. Aber es ist auch keine Affäre, die hier erzählt wird.

John (Tom Mercier) und May (Anais Demoustier) treffen sich regelmäßig in der Disco. Erzählt wird die Geschichte von der Türsteherin (Béatrice Dalle), die die Gesichter studieren muss, auch mal vom Toilettenmann (Pedro Cabanas). May ist liebesmäßig mit Pierre (Martin Vischer) zusammen. Das ist eine der üblichen Beziehungen. Die zu John, der allein lebt, keine Freunde hat – im Gegensatz zu May – ist keine Konkurrenz. Eifersucht taucht jedenfalls nicht von Pierre auf.

Die Geschichte fängt 1979 an. Sie streift die Geschichte von der Wahl Mitterrands über AIDS, die die Disco leer stehen lässt, weil so viele sterben, sie erlebt den Mauerfall, sie erlebt die Jahrtausendwende und 9/11.

Spannung, Geheimnis, Erfüllung und Zerstörung. Eine existenzielle Auslegeordnung. „Das Tier im Dschungel“, so heißt die Disco, in der alles stattfindet, die Annäherung wie die Distanzierung; das Tier im Dschungel ist aber auch das unaussprechliche Geheimnis, um das sich die Beziehung zwischen May und John dreht und dreht und dreht, gehen wir, bleiben wir, warten wir.

Céline (Mara Taquin), das Mädchen von der Garderobe macht John an, will mit ihm tanzen, vergeblich, sie dringt nicht zu ihm vor.

Der Fim ist wie ein Spinnennetz, das die Menschen einspinnt in die Sehnsucht nach Leben, in die Gier nach Leben, in die Erfüllung der Sehnsüchte. Einzig John sucht die Befreiung, aber auch er wird immer wieder magisch angezogen von der Discowelt, geht regelmäßig hin, die philosophische Handbremse betätigend mit dem Aufbau der Erwartungshaltung, dass etwas Verrücktes eintreten werde, aber nicht heute, irgendwann, das Geheimnis. Beziehungskiste ohne Beziehungskiste und nicht mal Affäre – was dann?

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