Konsequent Kindereinsamkeitsperspektive
Horror pur. Eine Welt ohne Zusammenhang. Eine Welt ohne Dad und ohne Mum. Wo sind sie. Geräusche ohne Ursache. Wo kommen sie her. Eine diaphragmatische Welt. Eine grobkörnige Welt. Eine schemenhafte Welt.
Die Kamera konsequent auf Kinderaugenhöhe. Die Welt besteht aus Bruchstücken einer Wohnung, aus Wahrnehmungsbruchstücken. Aus Elementen, die da sind und dann wieder nicht. Ein Fernseher läuft. Der steht auf dem Boden. Drum herum Legobauklötzchen, ein Teddybär. Die Kamera sieht Kinderbeine, die von Kevin und Kaylee. Sie sind allein gelassen. Horror pur. Sie können schon sprechen. Und schnaufen. Wo ist Dad? Wo ist Mum? Im Fernsehen laufen Trickfilme von Vögeln und Füchsen und Hasen. Ein Film, der schmerzhaft die existenzielle Einsamkeit eines Kindes beschreibt.
Der kanadische Filmemacher Kyle Edward Ball widmet ihn Joshua Bookhalter, der von 1991 bis 2021 gelebt hat, und der sein Assistent war.
Dann wieder Anrufversuche, misslungene, aber auch solche mit einer Stimme am anderen Ende. Vier Jahre alt und nachtwandeln, sich mit einem Messer bewaffnen, mutig bleiben, Hilfe anfordern. So gedeckt die Stimmen, so schummrig oft das Bild. Manchmal gehen Türen auf, knarzen. Eine Bettdecke wird bewegt.
Der Film wirkt wie ein Experimentalfilm, der wenige Elemente einer merkwürdig anonym eingerichteten Wohnung variiert, auch von Schwarz-Weiß zu farbig, mit Taschenlampenlicht Gegenstände hervorhebt.
Ein Film, der konsequent nur Ausschnitte aus einer behaupteten und zu erratenden Realität und Gesamtheit im Bild hat. Dann wieder erschrockenes, kaum verständliches Kinderflüstern. Viel warten und schauen und Ängste entwickeln. Ungeheuerliches, das in der Luft liegt, sich vorstellen. Den Kinderängsten ausgesetzt. Urängste, die der heranwachsende Mensch noch nicht kanalisieren kann. Unausgereifte Weltperzeption.
Dass der Zusammenhang fehlt, macht diese Realität so angsteinflößend, dass die Begründungen für Geräusche fehlen, dass Gegenstände Eigenleben führen, ungerührt. Gesamtsicht und Schubladisierung von Dingen noch nicht entwickelt im Kinderhirn. Oft am Rande der Erkennbarkeit. In dem Sinn keine Story, sondern Schilderung einer Urangst-Situation. Go to sleep – or maybe die.