Ponyherz

Böse Mädels, böse Menschen, guter Mensch, gutes Mädel

Gleich bei der einführenden Abschiedsszene zwischen Hauptfigur Anni (Martha Haberland) und ihrer Freundin Mara (in IMDb nicht angegeben: Anandi Amram) passiert ein übler Anschlussfehler. Die beiden Freundinnen machen noch ein Selfie auf einem breiten Sofa, das auf dem Bürgersteig vor dem Haus in Hamburg steht. Mamma (Sophie Lutz), die am Steuer des mit Umzugsgut gefüllten Pritschenwagens steht, ruft Anni zu, einzusteigen, das Auto fährt los, das Sofa bleibt auf dem Bürgersteig. Bei der Ankunft in Großhottendorf ist das Sofa fein säuberlich auf der Ladefläche des Lieferwagens befestigt. Da ist Magie und da sind Geisterhände am Werk.

Wenn der Film von Markus Dietrich nach dem Drehbuch von ihm und Peter Freund des Weiteren ordentlich gemacht wäre, würde das kaum weiter stören; aber auch die dramaturgische Drehbuchberatung durch Sebstian Thümler scheint wenig gefruchtet zu haben. Der Film, der allenfalls Kriterien von Fernsehredakteuren zu befriedigen mag, wird nicht stimmiger im Verlauf.

Es ist ein zusammengeflickschusterte Geschichte. Die Eltern von Anni ziehen aus Hamburg aufs Land nach Großhottendorf. Sie wollen eine Orchideen-Gärtnerei eröffnen. Eine nicht weiter plausibel gemachte, eher hirnrissige Idee. Anni ist nicht begeistert; denn sie muss ihre Freundin Mara, ihr soziales Umfeld, ihre Schule verlassen.

Andererseits träumt Anni – wie viele pubertierende Mädchen, sie ist vielleicht 10 oder 12 oder 13 – von Pferden. Auf dem Land trifft sie dann voll auf eine simpel dialektische Welt von Bösen und Guten. Da sind die klischeebösen Mädchen ihren Alters, die sie gleich bösartig als garstige Tussen empfangen, da ist die kalte Gutsbesitzerin Pia Wittenberg (Sophie Lutz), da ist die einzig filmreif-glaubwürdige Figur im ganzen Film Peter (Peter Lohmeyer) als Pferdeknecht, da sind ganz plump auf Charikatur und bös gemachte Pferdediebe.

Hinzu kommt, dass Anni sich von ihren Eltern vernachlässigt fühlt, sie hätten nie Zeit für sie. Dabei ist sie doch ständig mit ihren Pferden zugange – und mit Lorenz, der in IMDb auch nicht aufgeführt ist – zarte, unschuldige, präpubertäre Liebessaiten werden hier aufgezogen.

Und dann kommt es zu filmisch nicht unbedingt geglückten Kampf- und Actionsszenen beim Versuch der Bösen, die Wildtierherde einzufangen und dann noch zwei superdumme Polizisten. Diese handwerklichen Schwächen führen dazu, dass einem die Geschichte dieses Filmes so absehbar konstruiert vorkommt, so erfunden, so fernab vom „wahren“ Leben.

Die Titel im Abspann, die sind schön beim Umblättern des gezeichneten Pferdebuches; Talent im Zeichnen hat Anni. Es scheint sich um die Adaption einer Kinderbuchvorlage von Usch Luhn zu handeln; es bleibt unklar, für welches Alter das Buch und entsprechend der Film gedacht sind.

Das Verwunderliche ist, dass im Abspann zwar eine Anzahl deutscher Filmförderer, aber nicht ein einziger, deutscher öffentlich-rechtlicher Fernsehsender beteiligt, somit auch eine redaktionelle Betreuung nicht gegeben ist. Aber genau den Eindruck vermittelt der Film, dass er just für solche gemacht sei.

Nachwort:
Klar, der Film ist definitiv nicht für alte, weiße Männer gedacht, die jeden Tag einen oder zwei Filme anschauen; der Film ist für präpubertäre Mädchen gemacht, die ihren Frieden bei Pferden finden und deren Menschenwelt klar und chargenhaft in Gut und Böse aufgeteilt ist (Hexen, Teufel oder Gute); also sollte man dieses Zielpublikum befragen, ob es sich bei dem Film zuhause und angesprochen fühlt; ob es sich mit Anni identifizieren kann.

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