Brother’s Keeper

Ein Vorfall mit Folgen

An einem staatlichen Knabeninternat in einer Region im Osten der Türkei in Anatolien, aber sicher nicht in Kurdistan, denn so etwas existiert nicht im türkischen Geographieunterricht, ereignet sich beim Duschen ein lächerlicher Vorfall.

Zwei Knaben streiten sich um eine Seife. Sie werden dafür bestraft, indem sie sich nur mit kaltem Wasser waschen dürfen. Einer davon, Memo (Nurullah Alaca), ist am nächten Morgen krank. Sein Zimmernachbar Yusuf (Samet Yildiz) kümmert sich um ihn.

Es ist ein Vorfall, der, eins nach dem anderen zeigt, in welch betrüblichem Zustand diese Schule ist und auch, wie die Lehrer sich scheuen, Verantwortung zu übernehmen, ständig versuchen, diese abzuwälzen, aber auch die Korruption hat einen kleinen, kaum scheinbaren Auftritt, wenn der Direktor (Mahir Ipek) mit seinem Auto mit den Sommerreifen im Schnee stecken bleibt, lautet der Vorschlag, man könnte Ketten besorgen und sie für den Schulbus verrechnen.

Ferit Karahan, der mit Gulistan Acet auch das Drehbuch geschrieben hat, entwirft eine eisige Atmosphäre, denn auch die Heizung ist ausgefallen und die zu reparieren dauert, also sollen die Schüler und die Lehrer halt die Jacken anbehalten. Der arme Kranke, in eine Decke gehüllt muss er vorm Krankenzimmer warten, weil das Schloss gefroren ist.

Die Kommunikation zur Außenwelt fällt schwer in dem Krankenzimmer, nur wer auf einen Stuhl steigt, hat Handyempfang und jeder, der zur Tür reinkommt, fällt erst mal auf die Schnauze. Das hat direkt eine groteske Systematik.

Der Film erinnert an Jean Vigos „Zéro de Conduite – Betragen ungenügend“, der in Frankreich 1933, parallel zum aufkommenden Nationalismus in Deutschland entstand.

Dieser Film stammt aus einer Türkei, die einen Despoten mit unendlich viel Macht ausgerüstet hat und die Intellektuellen und Linken verzweifeln lässt am System, in dem auch die kurdische Kultur immer mehr unterdrückt werden soll; das ist auch bei den Jungs zu sehen.

Es ist ein atemberaubendes Nah-am-Leben-Kino, das aus einer desorientierten Gesellschaft berichtet, der mit Zucht und Ordnung nicht beizukommen ist. Gerade deswegen hat der Humor vielleicht einen besondern Platz, wenn einer der Schüler dem Lehrer über einen Mitschüler sagt, der habe neun Leben, denn so oft habe ihn der Lehrer schon verprügelt und er lebe immer noch.

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