Geistreiches Landschaftsbild
Allein die Städte- und Landschaftsaufnahmen, die Kameramann Uwe Mann in diese neue Dokumentation von Volker Koepp nach dem Buch von Barbara Frankenstein hineinmalt, geben dem Film eine Top-Qualitätsnote. Sie entwerfen den Raum, extensiv, in welchem die Menschen und die Geschichten, die den Film einmalig machen, wie selbstverständlich zur Geltung kommen lassen und die Landschaft mit Geschichte, Kunst, Kultur durchwirken.
Leitfaden ist eine Spurensuche nach dem Autor Uwe Johnson der aus Mecklenburg-Vorpommern stammt und lange dort gelebt hat.
Höchst sorgfältig hat Koepp sich Interviewpartner ausgesucht, die einerseits einen Bezug zum Dichter haben, der kann relativ anekdotisch, lokal, zufällig sein/gewesen sein, die andererseits ein lebendiges Bild der Gegend abgeben, was und wie Geistmenschen dort wirken.
So entsteht auch ein Bild der abwechslungsreichen Geschichte des Landstriches, speziell der Nazizeit, des Kriegsendes, der Zeit, in der vor allem die Frauen sich vor den Russen versteckten und der DDR bis nach der Wende.
Den stärksten geistigen Input geben Texte von Uwe Johnson, gelesen aus berufenem Munde. Es kommen Filmmenschen, Wissenschaftsmenschen, Kulturmenschen, Schauspieler, Kirchenmenschen zu Wort.
Es gibt köstliche Einsprengsel über eine ganz seltene Orgel mit einer Kuckuckspfeife. Es kommen historische Scheusslichkeiten zur Sprache, die Tragödie der Kap Arcona am Kriegsende und mitten in die Dreharbeiten platzt der Überfall Russlands auf die Ukraine und wird lebhaft ventiliert.
Auch Covid- und Maskenspuren finden sich im Film. Dann frischt ein Regenguss ein Interview auf, während welchem einfach ein Schirm aufgespannt und das Gespräch ungerührt fortgesetzt wird.
Der Bahnhof Leipzig spielt ausgehend von einem Johnson-Text eine aufregende Rolle oder aus dem Brecht-Archiv wird ein weiteres, prägnantes Schlaglicht auf Johnson als Herausgeber von Brecht-Texten geworfen.
Ganz angenehm ist, dass Volker Koepp auf diese moderne Dokumanie verzichtet, seine Interviewpartner ständig mit Namensschildern zu versehen. Wichtig sind die Erlebnisse, die diese berichten und bestimmt nicht ihre heutige Funktion oder gesellschaftliche Wichtigkeit. Volker Koepp selbst stellt aus dem Off immer wieder Fragen.