Amour Fou und künstlerischer Furor
Dieter Berner (Egon Schiele – Tod und Mädchen) benutzt die Liebesgeschichte zwischen Alma Mahler und dem jungen Oskar Kokoschka, um auf der großen Kinoleinwand das umwerfende Bild eines künstlerischen Furors, der einer amour fou gleichkommt, zu entwerfen.
Der Film fängt in New York an. Das Ehepaar Mahler ist hier zugange für Konzerte und eine Tournee. Ein Brief, der offenbar an den berühmten Komponisten und Dirigenten adressiert ist, stammt von einem Verehrer Almas und sollte wohl gezielt als Irrläufer auf den Weg gebracht werden; sät erfolgreich Zwietracht in der Ehe des berühmten Paares.
Alma (grandios: Emily Cox) will leben mit ihren etwas über 30 Jahren. Ihr Mann aber hat nur die Musik im Kopf. Sie fühlt sich überflüssig, sie ist gierig nach Liebe, Sex, Erotik und ihr Mann interessiert sich nicht mal für ihre Kompositionen.
Alma liebt es, sich mit Genies zu umgeben und von diesen begehrt zu werden. Das hat eine Menge gehörnter Männer zu Folge und ist für Alma, die den Musset-Spruch, dass man mit der Liebe nicht tändeln soll, augenscheinlich für obsolet hält, manch Drahtseilakt, wenn sich in Gesellschaft mal wieder zwei ihrer Genies gleichzeitig in einem Raum aufhalten.
Grad ist sie mit dem Architekten Walter Gropius zugange. Und sie lernt den jungen, wilden Kokoschka (Valentin Postlmayr, in Großartigkeit Alma ebenbürtig) kennen, der glaubt, ohne sie nicht mehr leben und malen zu können. Sie ist seine Muse, sie ist sein Furor. Sie beseelt den jungen Künstler und macht ihn kreativ. Das treibt den Konkurrenzkampf zu den anderen Genies auf die Spitze, denn Eifersucht gehört genau so dazu.
Der alte Mahler stirbt, und so lernen sich Alma und Oskar kennen; denn dieser soll die Totenmaske des Komponisten anfertigen; eine wunderbar schräge Szene, wie die Leiche in einen Stuhl gesetzt wird, den Kopf auf ein Brett gestützt, das nach Hinrichtung aussieht. Die Szene bezeichnet treffend den leichten, unbeschwerten Zugang des Regisseurs zur Geschichte, er ist weit weg vom häufigen Haut-Gout von Klassikbehandlung; er schert sich einen Deut um politische Korrektheit; ihn interessieren die Wege, die die Gefühle der Menschen sich bahnen und sich dabei schnell mal einen Scheiß um Konventionen kümmern, Beispiel hierfür ist der Auftritt Kokoschkas im roten Kimono bei einem Konzert in der großartig ins Bild gesetzten Semper-Oper in Dresden. So schafft es Berner, den Zuschauer kurzweilig bei der Stange zu halten und ihn in die Abgründe dieser künstlerisch-erotischen Gefühlswelten eintauchen zu lassen, ja ihn förmlich mithineinzuziehen.