Ernesto’s Island

Deutsche im Ausland

Grad kürzlich hat ein Film Deutsche mit der Asche eines Verstorbenen auf Auslandsreise geschickten: Bernd Thomas‘ Herzliche letzte Grüße. Hier haben sich Freunde des Verstorbenen mit dessen Asche auf den Weg nach Norden gemacht, um diese in Anwesenheit eines Eisbären zu verstreuen; die Freunde haben sich die Weltsicht der Naturbegeisterung und des Respektes vor der Natur des Hingeschiedenen zu eigen gemacht.

Jetzt schickt Ronald Vietz (This aint California) Max Riemelt als Matthias mit der Asche seiner verstorbenen Mutter nach Kuba, um sie dort auf einer Insel zu verstreuen, die die kubanische Jugend Ernst Thälmann gewidmet hat.

Mit dem Schild „Homenaje dela juventud cubana Ernst Thälmann
XX Aniversario 1973“ fängt der Film an. Vietz, der mit Ira Wedel auch das Drehbuch geschrieben hat, schildert Matthias als ein in den Kokon seiner deutschen Befindlichkeit eingesponnenen Zeitgenossen. Er arbeitet irgendwas mit Social Media und Internet und Kampagnen in einer zur lässigen Office-Location umgebauten Kirche.

Schon kürzlich haben sich junge Deutsche filmisch nach Kuba begeben in Vamos a la Playa. Sie spiegeln eine deutsche Jugend, die recht unvoreingenommen und wenig rechthaberisch, aber auch wenig verbissen in ein Deutschtum eingegossen wirkt; diese suchen einen Bruder; sie haben Kuba gezielt angesteuert.

Matthias dagegen wird durch die Zusendung dieser Asche aus seinem Berliner Tran herausgerissen und weiß offenbar oft nicht recht, wie ihm ist. In Kuba findet er als temporäre Begleiterin eine Kellnerin (Marion Duranona), die jobbt, um studieren zu können. In einem romantischen Filmauto machen sich die beiden auf den Weg.

Matthias kannte Kuba schon aus der DDR-Jugendzeit.

Ronald Vietz dreht wunderbares, archivarisches Material von Matthias als Bub mit seinem etwas größeren Jugendfreund Sascha (in der Heutezeit: Oliver Bröcker) nach, das das idealistische Flair, das die DDR und Kuba umwirkte, glaubwürdig wiedergibt.

Es gab die Brigade Ernestos Island; das waren junge Menschen voller Idealismus, überzeugte Kommunisten.

Aber auch die kubanische Musik spielt eine Rolle, ein Musiker soll der Vater von Matthias sein; auf der Insel wird er zudem Halbgeschwister finden. Die Musik kam auch in die DDR bei Weltfestspielen vor.

Ronald Vietz lässt Matthias lange in seiner deutschen Blase in Kuba verweilen; erst nach und nach vermögen Musik und Herzlichkeit deren Haut aufzuweichen. Das hat den Vorteil, dass die Zeichnung von Kuba eher sachlich denn sentimental ausfällt. Vielleicht in die Richtung von Clave; der sich allerdings auf das Enzyklopädische anhand der Schilderung aktueller Bands beschränkt.

Bei Ronald Vietz kommt es zu vielen Begegnungen. Aber es ist nicht das Projekt von Matthias, Kuba zu erkunden, Kuba als Heilsversprechen zu interpretieren. Andererseits hat er weder Bewusstsein noch Absicht, sein Deutschsein zu verteidigen; er und es, die sind halt so. Er hat quasi einen Job zu erledigen. Auf dem Weg dahin bleibt er jedoch nicht unangefochten. Er geht also weder blind noch als Recherchetourist durch das Land, kommt aber irgendwann in Anwesenheit seines Jugendfreundes Sascha zur Erkenntnis oder zur Formulierung des Wunsches, einfach nur hier zu sein, wie die Kubaner – die sie grade bei einer Sportveranstaltung beobachten – und nicht immer woanders, wie die Deutschen.

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