Großartig austariert –
wohl temperiert
und gleich mehrere Dinge in einem ist dieser Film von Sam Mendes (1917, Skyfall). Er ist britisches Soziodram in der Art eines Ken Loach, doch weit entfernt von dessen naivem Glauben an das Gute im Menschen. Er ist Liebeserklärung an das Kino, doch meilenweit entfernt von der bedingungslosen Kinoverehrung des indischen Meisterregisseurs Pan Nalin in Das Licht aus dem die Träume sind. Möglicherweise ist es sogar ein Kinonostalgiefilm wie Seaside Special ein Theaternostalgiefilm ist, aber auch das ist skeptisch zu sehen: die ersten Eindrücke vom Empire-Kino an der britischen Südküste sind alles andere als nostalgisch, wenn es heißt, das Licht zu suchen, wo Dunkelheit ist.
Als historischen Zeitpunkt weist der Film auf 1980 hin, denn gerade sind die Blues Brothers annonciert.
Sam Mendes hütet sich davor, zu skandalisieren, er hütet sich vor billigem Empörfutter, er bettet bittere Themen wie Me-Too oder den alltäglichen Rassismus und auch das süße Thema der Kinoverehrung ein in eine großartig staatstheaterlich – und also zwar etwas langsam, aber bestimmt von enormer Langlebigkeit – inszenierte Betrachtung der Themen anhand der Fokussierung auf die Umstände in diesem Kino mit den knapp zehn Mitarbeitern und dem Betreiber Donald Ellis (Collin Firth).
Bei Mendes bekommen die Skandalthemen keinen Promi-Bonus. Er setzt sich nicht in die fette Sauce eines Sittengemäldes.
Der Teil des Kinos, der noch in Betrieb ist, ist imposant; das sind Foyer, Kassenbereich, Eingang, Treppen zu den Sälen und die Säle 1 und 2.
Die Hauptfigur ist Hilary (Olivia Colman). Sie erinnert vom Typ her am ehesten an eine Frau aus einem Ken-Loach-Film, eine Frau, die sich nur schlecht zu wehren weiß, die sich ausnutzen lässt, die für ein abstoßendes Beispiel von Me-Too steht, wie sie ihrem Chef auf Kommando in dessen Büro gefügig zu sein hat.
Sam Mendes zeichnet das nicht schlagzeilenhaft; es ist ein Vorgang nebst all den anderen, die so ein Kinobetrieb verlangt vom Pop-Corn-Verkauf, bis zur Ticketkontrolle oder dem Reinigen des Kinosaales.
Das ist vielleicht der schärfste Scherz, den Mendes sich erlaubt, dass er bei der visuellen Führung durch sein Kino mit einem großlettrigen POPCORN anfängt. Und dann mit dem Schild „No Entry“ weiterfährt. Nur keine Sentimentalitäten.
Für das Thema des alltäglichen Rassismus in Großbritannien engagiert Mendes Micheal Ward als jungen, attraktiven Mitarbeiter Stephen. Er ist nicht ohne Gefühle zu Hilary, zwischen Erotik und Verständnis. Mendes wird ihn Delia (Tanya Moodie) kennenlernen lassen; was für Stephen die naheliegendere Beziehung wäre.
Es gibt den ganz lockeren, dramaturgischen Faden, dass das Kino die exklusive Premiere des Filmes Chariots of Fire erwartet. Dafür wird es herausgeputzt und es wird die Bühne für einen ganz besonderen Auftritt bieten, in welchem interessanterweise Lyrik eine knallige Rolle spielt.
Mendes riskiert einen Blick in die leerstehenden Kinosäle 3 und 4, nutzt sie für intime Begegnungen inmitten von Tauben und Staub. Es wäre vermessen, zu behaupten, Sam Mendes frage nach dem Stellenwert und Sinn von Kino; vielmehr träufelt er Themen wie Einsamkeit genauso wie das Raucherthema in den Film. Und bevor ein Thema oder ein Stroystrang zu lastend, zu gravierend oder zu melodramatisch, gar nostalgisch oder sentimental wird, schwenkt Mendes zum Meer, zum Strand, das solchen Wildwuchsgefühlen den Wind aus den Segeln nimmt. Das etwas in die Jahre gekommene Gebäude mit dem Empire-Kino ist vieles in einem: Restaurant, Tanz-Saal, lizensierte Bar.