Luftkrieg – Die Naturgeschichte der Zerstörung

Vielleicht in Anlehnung an Walther Rutmanns Berlin – Die Sinfonie der Großstadt montiert Sergei Loznitsa aus extrem aufgefrischtem, nachgefrischtem und teils nachvertontem Archivmaterial eine Sinfonie der Zerstörung.

Das Strukturiermittel ist nicht ein Tagesablauf, es ist die Geschichte Deutschlands vom intakten Leben vorm zweiten Weltkrieg bis zu den Trümmerstädten an dessen Ende.

Der Begriff „Naturgeschichte“ im Titel muss allerdings hinterfragt werden oder kann als Hinweis gelesen werden, dass der Filmemacher im Zerstörungspotential der Menschen etwas Naturgeschichtliches sieht sozusagen gegen jede Geschichtsphilosophie, als ob der Mensch nicht anders könne. Da sollte vielleicht drüber diskutiert werden.

Loznitsa setzt auf die schiere Macht der Bilder bei Verzicht auf jeden Kommentar, die verschiedenen Phasen werden lediglich mit kurzem Schwarzbild voneinander getrennt.

Erst ist Deutschland schön, kultiviert, mit einem gewissen Wohlstand, schnuckelige Fachwerkstädtchen, historische Kirchen, Mobilität und auch Mode, Cafés – bis die ersten Hakenkreuze auftauchen. Es folgt eine Phase, die wie experimentelles Kino aussieht, wie experimentelles Feuerwerk. Dann die Macht der Rüstungsindustrie, ihre Macht und Mechanik, ihre Faszination. Es folgt eine dichte Serie an Bildern vom Bombenkrieg aus der Sicht der Alliierten. Vorher hat noch Furtwängler dirigiert.

Der Film bezieht sein Gewicht aus der schieren Masse der unkommentierten Aufnahmen und erinnert erschreckend daran, was gerade in der Ukraine vor sicht geht. Besonders Roosevelts Wort davon, dass bis jetzt in der Geschichte nur noch nicht gezeigt worden sei, dass ein Krieg mit Krieg beendet werden kann (was dann auch passierte) fährt ein.

In den Trümmerlandschaften nach dem Bombenkrieg und auch schon währenddessen hält die Farbe Eingang ins Archivmaterial. Die Frage bleibt oft, ob Krieg ein naturgeschichtliches Ereignis, ein naturgeschichtlicher Vorgang sei, oder ob er nicht doch vom Menschen – vielleicht aus anderen Zwängen – vom Zaun gerissen wird. In der Trümmerstadt jubeln die Menschen Winston Churchill zu und von einer unversehrten Litfaßsäule lächelt das Plakat für den Film Großstadtmelodie.

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