Saint Omer

Frau
zwischen Kulturen und Kulturmonumenten

Die kulturellen Eck- und Referenzpunkt dieses hochkonzentrierten Gerichts- und Dialogfilmes von Alice Diop, die mit Amrita David und Marie Ndiaya auch das Drehbuch geschrieben hat, ist anfangs ein Ausschnitt aus „Hiroshima mon Amour“ von Alain Resnais nach dem Drehbuch von Marguerite Duras. Frauen, denen als Kollaborateurinnen in demütigender Weise der Kopf kahl geschoren wird.

Gegen Ende des Filmes wird das Medea-Thema erinnert mit Ausschnitten aus dem gleichnamigen Film von Pasolini mit Maria Callas, die ihre Kinder tötet.

Dazwischen eingebettet ist ein Gerichtsprozess in Saint Omer gegen die junge Laurence Coly (Guslagie Malanda), die aus dem Senegal stammt, nach Paris zum Studium gefahren ist und jetzt wegen Tötung ihres Kindes vor einem Geschworenen-Gericht steht.

Zum Prozess hin führt und fährt Frau Rama (Kayije Kagame), eine Schriftstellerin aus Paris, selber schwanger, und die den Prozess beobachtet und reflektiert.

Es ist ein hochkonzentrierter Dialogfilm mit ausgezeichnet ausgearbeiteten Dialogen. Auswahl der Geschworenen als kleines Vorspiel vor der Hochkonzentration. Dann die Befragung der Täterin, die sich in jede Menge Widersprüche verstrickt. Es ist eine rätselhafte, nicht nachvollziehbare Tötung eines 15 Monate alten Mädchens. Es scheint mit dem kulturellen Unterschied der Herkunft der Mutter und ihrer nicht legalisierten Beziehung zum Franzosen Luc Dumontet (Xavier Maly) zu tun zu haben. Die Tat ist schlicht nicht nachvollziehbar. Das Kind war zwar gewollt, aber der Liebhaber der Mutter war offiziell noch verheiratet, ließ Laurance bei sich wohnen, er hat ein Künstleratelier, aber seine getrennt lebende Gattin trifft er noch regelmäßig.

Laurence ist hier sehr allein; behält aber das Geheimnis ihrer Schwangerschaft für sich. Sie wollte Philosophie studieren, Wittgenstein als ein weiterer rationaler Gegenpunkt gegen die afrikanische Mythenwelt, die Rede von Verhexung.

Der Film beschreibt also nicht nur einen Urmutterkonflikt, dem allenfalls auch mit dem Begriff der Chimären-Zellen beigekommen werden soll, Zellen, die Mutter und Tochter rätselhaft verbinden, auch über den Tod hinaus; andererseits der Culture Clash zwischen afrikanischer Mythenwelt und moderner, rationaler Pariser-Welt; wobei Laurence sich insofern perfekt angepasst hat, als sie ein makelloses Französisch spricht; indem sie es sich schon zuhause auf Anraten ihrer Mutter abgewöhnt hat, Wolof zu sprechen.

Der Prozess macht deutlich, auf wie unsicherem Terrain die Jurisdiktion sich in so einem Falle bewegt, oder es sich allzu einfach macht mit einer Verurteilung als Mörderin, einer Frau als menschlichem Monster, deren Leben ruiniert ist und die es sich selber nicht erklären kann, die selbst keine rationale Verantwortung für die Tötung übernehmen kann. Hierbei fällt der Begriff der Fantomfrau. Oder: über den Wahnsinn von Mutterschaft. Man könnte geneigt sein, von einem nicht lösbaren kulturellen Konflikt zu sprechen.
Medea, Unvereinbarkeit zweier Kulturen
Jason: die zeitgemäße Welt, rational. Pragmatisch, der den Sinn fürs Metaphysische verloren hat.
Mythisches Denken gegen logisches Denken, Afrika gegen Wittgenstein, Menschenopfer der Kolcher.
Pasolini: Welt des Friauls und der des Subproletariates gegen den hedonistischen Nihilismus des gesellschaftlich und politisch dominierenden Kleinbürgertums.

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