Liebe löst Identität auf
– umso lächerlicher erscheinen Figuren ohne jene.
Die ewige Frage nach der Individualität und Identität des Menschen treibt Alex Schaad um, der mit Dimitrij Schaad, seinem Bruder, auch das Drehbuch unter fernsehredaktioneller Betreuung geschrieben hat.
Speziell im erschöpfenden Liebesakt, wenn zwei Körper dicht aneinandern, ineinander sich wälzen, kann sich diese Frage in Nichts auflösen, werden die vorgeblichen Individualitäten und Identitäten austauschbar; versetzt sich der Mensch in den Zustand des Allgemeinen.
Das scheint das diesem Film zugrunde liegende Theorem zu sein, das auch die Zwischentitel andeuten. Es gibt eine Szene, in der dieses Theorem praktisch nachvollziehbar und also atemberaubend filmische Realität wird. Es ist die Liebesszene zwischen Jonas Dassler als Tristan und Roman (Thomas Wodianka). Hier wird sichtbar wie selten, dass in der Liebesszene, sozusagen als einem Teil der Allgemeinheit, die Individualität – und also auch das Geschlecht letztlich – keine Rolle spielt. Das alltäglich Identifizierbare kommt später zurück. In der Szene zeigt Alex Schaad, was er wohl drauf hat, wie er überhaupt auch auf der Tonspur mit großer Kelle anrührt und so dichtes Kino schafft.
Ausgehend von einer erklärungsbedürftigen Schlafzimmerszene stellt Schaad klar, dass er keinen barrierefreien Zugang zu Film herstellen will. In der Eröffnungsszene spielt ein klassisches, mythologisches Wandgemälde mit dicht ineinander gebündelten Frauen das Symbolsignal. Und wenn es hier einem schon nicht leicht gemacht wird, kommt es noch härter.
Protagonist Tristan ist mit seiner Freudin (Mala Emde) auf einer Fähre unterwegs. Hier kommen typische Dialog, wie das deutsche Fernsehen sie offenbar mag und wie es offenbar an den Filmschulen gelehrt wird: den Alltag erklärend beschreiben; sie ist an seiner Schulter eingenickt und fragt nach dem Aufwachen, ob sie zu unbequem war und es folgt die Frage nach dem Kaffee. Da verschließen sich einem die Rezeptionsporen tief.
Es wird noch härter nach der Ankunft auf der Insel. Hier empfängt sie Edgar Selge als Stella, wirkt wie eine lächerliche Figur, grinst und hat ebenso lächerliche Dialoge, die keine Grundsituation definieren können. Hier wird, so empfinde ich das, der Zuschauer auf „Achtung Albernheit“ gepolt. Was zu grausamen Fehlinterpretation des Filmes oder zu Unverständnis führen dürfte.
Es stellt sich heraus, dass auf der Insel eine Kommune lebt. Erinnert an die Filme über Otto Mühl Meine kleine Familie und Servus Papa, see you in Hell oder allenfalls an den Gurufilm auf der griechischen Insel A pure Place.
Im Gegensatz zu diesen Filmen ist hier der Lächerlichkeitshinweis gegeben, was viel mit der Besetzung der Rolle mit Edgar Selge zu tun haben dürfte. Oft schrammt der Film haarscharf am Genre des Swingerclub-Filmes vorbei. Da fällt einem Roland Reber (Todesrevue) und seine Filme ein: die haben unverblümt – und auch richtig nackt! – Sex gehabt und eine Kommune waren sie auch; am geistigen Input hat es bei Reber trotzdem nicht gefehlt, wenn er auch mehr philosophisch sich gegeben hat und die Schaad-Brüder das eher mathematisch-abstrakt angehen. Was den Reiz, wie die oben erwähnte Szene beweist, sogar noch erhöhen kann. Eine Szene, wegen der sich der Besuch des Filmes lohnt; auch wenn drum herum schwer Erträgliches passiert, was nebst den erwähnten Dingen mit dem Casting zu tun haben dürfte. Es bräuchte Schauspieler, die nicht das Alberne oder weißgottnichtwas an den Rollen interessiert, sondern die speziell diesen mathematischen Austauschbarkeitszugang irgendwie, wenn vielleicht auch nur intutitiv, erfassen so wie Dassler und Wodianka.