Bonn – Alte Freunde, neue Feinde (DVD)

Diese ARD-Miniserie kommt mit pompösem Anspruch daher: nämlich die junge Bonner Republik, die aus den Trümmern des Nazireiches emporsteigt, und ihre Verwicklungen mit diesem zu schildern.

Die Eröffnungsszene dieser ARD-Mini-Serie unter redaktioneller Aufsicht von Götz Vogt ist gleichzeitig die Schlüsselszene.

Sie zeigt zweierlei. Zum einen den Vorgang, der im Laufe der Serie enträtselt wird. Zum anderen, dass hier mit möglichst wenig Geld und viel schnellem Studio eine glaubwürdige historische Atmosphäre erzeugt werden soll. Historisches im Film und im Fernsehen ist immer aufwändig und teuer, umsomehr fällt auf, wenn gespart werden soll – und das ist hier so.

Es ist eine typische Zweit-Weltkriegs-Studio-Wald-Szene. Soldaten kämpfen. Ein Titel besagt, dass es sich um die Ardennen 1944 handeln soll. Die Figur im Mittelpunkt dieser Szene wird Dreh- und Angelpunkt der Recherchen und Nachforschungen, der Enthüllungen und Verhüllungen, der Verwicklungen in der jungen Bundesrepublik zehn Jahre später.

In Salamitaktik bringt die Serie Stück um Stück die Erklärung dieser Szene an den Tag.

Es ist ein dramaturgisches Machtspiel, wenn man so will, mit einer Serie eine anfangs im Unklaren belassene Studiowaldszene zu erklären. Ob das eine gute Idee ist? Erzähltechnik im Stile des Vergeheimnissens – eher billig.

Die Absicht dieser ARD-Miniserie in der Regie von Claudia Garde nach den Drehbüchern von ihr selbst, Peter Furrer, Gerrit Hermans, Martin Rehbock und Lucas Thiem scheint es zu sein, einem möglichst breiten Publikum in der Form eines Thriller zu zeigen, wie naziverseucht die junge Bundesrepublik war.

Dies ist zwar immer wieder schockierend. Andererseits handelt es sich hierbei um eine Banalität, war doch der Großteil der Deutschen entweder Nazis oder Mitläufer; Widerständler, die nach dem Krieg glaubwürdig entnazifiziert werden konnten, gab es wenige, darauf weist die Serie an einer brisanten Stelle hin, wie eine mutmaßliche Verschwörung vom Verfassungsschutz hops genommen werden soll.

Die Banalität besteht in der simplen Überlegung, wer hätte denn das Land wiederaufbauen sollen, wer wäre übrig geblieben, wenn alle Exnazis und alle Mitläufer nicht hätten mittun dürfen? Das Land wäre wohl heute noch nicht wiederaufgebaut.

Dass die Serie für ein einfacheres Publikum gedacht ist zeigen Dialogsätze, die genauso gut als Füllsätze interpretiert werden können; es sind dies überwiegend beliebig austauschbare Sätze, die weder eine Figur charakterisieren, noch die Handlung vorwärtstreiben, noch der Geschichte eine Besonderheit geben, es sind Sätze von einer erbärmlich sterilen TV-Austauschbarkeit, Sätze wie aus einem Do-it-yourself-billig-Baukasten für TV-Drehbuchautoren. Sätze, die Könner bei der ersten Überarbeitung des Textes sofort wieder streichen würden.

Ich komme diese verdammte Fliege nicht gebunden, hilf mir.
Sie betreiben ein schmutziges Geschäft Herr John.
Ich kümmere mich um ihn.
Nein, ich kann nicht, ich kann sie nicht alleine lassen.
Wovor hast Du Angst?
Du tust, was du für richtig hälst.
Was ist passiert?
Pass gut auf dich auf, ich muss los.
Damit du über die Runden konmst.
Und das ist ein sehr schönes Nachthemd.
Du darfst jetzt nicht aufgeben.
Sie können jetzt einen Kaffee trinken gehen.
Wir sollten uns heiraten, weil wir uns lieben.
Ich glaube, die Farbe könnte Ihnen sitzen.
Ich gebe immerhin großzügig Trinkgeld.
Esse bitt, jetzt iss doch was.
Er muss sich jetzt erholen ..
und das sollten Sie auch tun,
Schlafen Sie, wenn Sie können.

Ab und an werden Sprichwörter in die Dialoge eingeflochten wie „Reisende soll man nicht aufhalten, heißt es“, was auf eine oberflächliche und schnelle Drehbucharbeit schließen lässt.

Die öffentlich-rechtliche Moral muss selbstverständlich bei so einem schweren Thema auch Eingang finden in den Dialog mit dem Vorwurf: „Wie kann man eigentlich damit leben, dass Millionen Menschen ins Gas geschickt wurden?“.

Mercedes Müller spielt die reine, zentrale, ehrliche Figur Toni Schmidt, die den Nazidreck sieht, der überall noch vorhanden ist. Ihre wichtigste Frage ist diejenige nach dem Verbleib ihres Bruders Stefan. Darum ranken sich Texte und Geheimnisse. Toni wird vorgestellt bei einer Party in London, wo sie eine Au Pair Stelle angenommen hat. Das wird für sie von Nutzen sein, denn nach ihrer Rückkehr wird sie als Sekretärin und Übersetzerin für Reinhard Gehlen arbeiten und tiefe Einblicke in diese Organisation erhalten, sie erfährt Dinge, die sie kaum glauben möchte.

Martin Wuttke als Reinhard Gehlen (Organisation Gehlen) ist einer der beiden männlichen, markanten Eckpfeiler dieser Miniserie. Sein Gegenspieler ist der nicht weniger markante Sebastian Blomberg als Otto John vom Verfassungsschutz. Dieser ist ein Nazijäger, während Gehlen der Nazivertuscher und -schützer ist.

Für Toni wird eine schematische Liebesgeschichte nach den mutmaßlichen Ansprüchen der Fernsehunterhaltung erfunden. Sie wird sich mit dem Betreiber eines Radio- und Fernsehgeschäftes verloben. Ihr wird der Konflikt zwischen Liebe und Job aufgehalst, der einmal auch das Thema der Gebärmaschine in einen Dialog einbringt. Ihr Vater ist Bauunternehmer (Juergen Maurer). Die Familie wohnt extrem repräsentativ für die 50er Jahre. Ihrem Vater hat sie den Job bei Gehlen zu verdanken. Die beiden kennen sich lange. Gemeinsame Nazivergangenheit, gemeinsame Ziele heute.

Der vierte im Bundes des dramaturgischen Grundpfeiler-Quartetts ist Max Riemelt als Wolfgang Berns, ein Nazijäger aus persönlichen Gründen. Er sitzt zwischen allen Stühlen, und, das ist nun wirklich billig, weil er mit Toni zu tun hat, können laut Fernsehautoren auch hier die Gefühle nicht geleugnet werden. Ihm wird eine Biographie zugeschrieben mit Abgründen und Schicksalsschlägen, wie sie zu dem prima Schauspieler und generell vertrauenswürdigen Typen, der er ist, überhaupt nicht passen; er ist eine sympathische Fehlbesetzung, wenn denn das Buch Glaubwürdigkeit beanspruchen wollte. Die ihm zugeschriebene Biographie verlangte nach einem kaputten Typen oder zumindest nach einem mit seelischer Verkommenheit, untauglich für die Rom-Com, die das Buch in Heimatfilmmanier ihm an Ende noch unterjubelt; da stimmt dann zwar der Riemelt, aber die Geschichte nicht mehr. Riemelt ist einfach zu nett und zu sympathisch, selbst in Zweikämpfen.

Es ist eine illustrierende Serie mit zu viel austauschbarem Fülltext und zu oberflächlich und schematisch konstruierten Liebesgeschichten. Blomberg und Wuttke, dazwischen der gummiartig freundliche, sich anpassende, undurchsichtige Agent Berns und dann die reine, nicht käufliche Sekretärin, die neuen Verbrechen auf die Spur kommt. Was jeweils am Anfang einer Folge in kurzen Takes von der Vorfolge wiederholt wird, ist im Wesentlichen auch die Substanz jener Folge, also sehr wenig, was dann jeweils auf etwa eine Stunde aufgeblasen und mit blassen Figuren und dünnen Texten aufgefüllt werden muss; diese werden von den Darstellern in professioneller Konzentration dargeboten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert