Lebenslinien: Ali Güngörmüs – Mein Griff nach den Sternen (BR, Montag, 16. Januar 2023, 22.00 Uhr)

Immigrantenmärchen

Die Redaktion der Lebenslinien liebt Promis und ihre Erfolgsgeschichten, was sich besonders gut macht, wenn eine Krankheit dazukommt, eine bislang verschwiegene oder eine veröffentlichte, eine PR-marktgängige oder ein Schicksalsschlag mit enorm vielen Selbstmorden unter den Geschwistern oder wenn die Lebenspartnerin dement wird.

Von den letzten eineinhalb Dutzend Lebenslinien, die stefe gesehen hat, sind etwa zwei Drittel Prominenten gewidmet, die dieses Format meist mehr oder weniger unverhohlen zur Eigen-PR nutzen und die in vielen Fällen auch Protagonisten im BR-Programm sind.

Man kann also sagen, der überwiegende Teil der Lebenslinien spiegelt nicht den Durchschnitt der zwangsgebührenzahlenden Bevölkerung. Was aber doch eine aparte Idee wäre, auch solche Schicksale ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen.

Es gab das Minderheitenkontingent über einen Menschen mit Herztransplantation, vor längerer Zeit über einen Menschen mit tödlicher Krankheit, über einen Paralympicstar, über eine lebenslange, zerfaselte Liebesgeschichte, über einen Tieranwalt, einen Kunsthandwerker und sogar über eine Zuwanderin aus Afrika.

Jetzt stammt wiederum von Reiner Holzemer, der mit eigener Firma für den BR produziert, ein gefällig gemachtes Immigranten-Märchen vom Jungen aus Anatolien, der es hier zum Sternekoch gebracht hat; immerhin werden die Bittertöne nicht ausgespart, mit 30 Burn-Out, kaputte Familie, hetzt von einem Termin zum anderen, Fernsehkoch, Kochbuchautor, zweitweise zwei eigene Restaurants in Hamburg und München; mit ein paar Maßnahmen scheint er den Stress gezügelt zu haben.

Ali Güngörmüs ist das Beispiel einer gelungenen Integration, Diskriminierung, die er erlebt hat, hat er wohl weggesteckt, ist nur eine kurze Bemerkung wert.

Aber was ist mit all den anderen, was ist mit jenen Immigranten, die im besten Männeralter sind und am Sylvester in Berlin wahre Straßenschlachten mit Feuerwehrleuten und Polizei ausführen? Solche Menschen existieren auf dem Radar der Lebenslinienredaktion nicht – sie sind aber Teil der deutschen Wirklichkeit; vor allem: sie sind, falls nicht unter die Ausnahmeregeln fallend, genauso gezwungen, Zwangsgebühren abzuführen. Aber sie existieren in der BR-Redaktionswirklichkeit nicht; haben sie keine berichtenswerten Lebenslinien? Das ist wohl ein Beispiel dafür, wie der BR wichtiger werden könnten, wenn er mit so einem Format nicht im wohligen Umfeld von Promis sich umtäte, sondern den Blick weiten würde: so würde wohl auch ein anderes Publikum drauf ansprechen und kapierte vielleicht sogar, wieso es Zwangsgebühren entrichten muss.

So aber wird das BR-Fernseh-Format Lebenslinien immer mehr zum Symbol für die Rückständigkeit, die Selbstherrlichkeit und die Selbstbezogenheit des Senders.

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