L‘ Ilôt (Clemens Klopfenstein – Werkschau & Carte Blanche, 12. – 18. Januar 2023, Werkstattkino München)

Schweizer Dschungel

Lausanne, die Schweizer Stadt, die sich an den Abhängen zum Genfer See festgeklebt hat, ist Hauptsitz des oft widersprüchlich beschriebenen Welt-Nahrungsmittelkonzerns Nestlé (Bottled Life – Das Geschäft mit dem Wasser) als auch des übel beleumdeten IOC.

In kurzer Luftlinienentfernung von diesen Weltprotzzentren hat der junge Schweizer Filmer Tizian Büchi ein Stück Wildnis um die kleine Schlucht des Flüsschens Vuachère mit einigen angrenzenden wie von der Weltgeschichte vergessenen Wohnblocks als Bühne für seinen Dokumentarfilm aufgetan.

Der Film kann von der Art her mit dem italienischen Film Tara (der nächsten Donnerstag ins Kino kommt) gesehen werden oder als französischschweizerische Antwort auf die deutschschweizerische Unruh.

Auch wenn Tizian Büchi vom Begriff her lieber von Löchern spricht, so geht es bei ihm wie in der Unruh um Herrschaft. Er konzentriert seinen Fokus auf Menschen, die in der Nähe dieses Bächleins leben oder zu tun haben und durch das genaue Hinsehen und das vermutlich oft nur suggestive Inszenieren weitet er den Blick über diesen Mikrokosmos hinaus. In so einem Mikrokosmos spiegelt sich immer auch der Makrokosmos.

Hier finden sich vor allem Menschen, die sicher nie das Ziel oder den Traum hatten, just hierher zu kommen, es sind Menschen, wie in einer Gesprächsrunde von spanisch sprechenden Frauen zu erfahren ist, die eigentlich nur drei Monate kommen wollten und jetzt schon Jahre hier sind; das Verlangen, in ihre Herkunftsländer und deren Herrschaftsstrukturen zurückzukehren, war wohl nicht stark genug.

Es gibt ein groteskes Leitmotiv, fast ein Stück absurdes Theater, das sind zwei Männer, einer aus Angola oder Ruanda und der andere aus dem Irak, Daniel und Anwar. Sie haben einen Job. Sie schieben Wache in dem Quartier; ausgerüstet sind sie mit einer Armbinde, einem Walkie-Talkie mit Tücken und einer Taschenlampe; quasi die welsche Variante zum Landvermesser.

Ob in dem Quartier überhaupt was los ist, darüber sind die Meinungen geteilt. Einige Buben finden es spannend, wenn in einem Nachbarhaus eine Drogenrazzia stattfindet und nach Meinung des einen auch geschossen wird. So sicher ist man sich nicht. Dann aber wieder sei es hier total ruhig.

Diese Ruhe wird bewacht von den beiden Männern. Sie spannen rot-weiße Absperrbänder an den Böschungen des Bächleins entlang. Niemand soll dorthin gehen. Die Menschen tun es trotzdem und verbinden damit ihre eigenen Geschichten – oder suchen nach Gold.

Das üppige, dichte Grün der Pflanzen rund um den Bach dominiert das Bühnenbild als Naturerzählung und dichtes Dschungelwerk, aber auch als Vorhang, der vielleicht etwas verstecken oder ab und an den Blick auf etwas freigeben kann – und gleich dahinter braust die SBB vorbei; Nestlé und das IOC, die sind so fern, die können uns alle mal.

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