Groß ist der Wald,
klein der Mensch,
diese Relation charakterisiert vielleicht am treffendsten diese typisch Schweizer Understatement-Erzählhaltung, diese Beiläufigkeit, um ein Stück anarchistischer Revolutionsgeschichte in der Schweizer Uhrenindustrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als beinah absurdes Stück Zeitgeschichte zu präsentieren.
Diese Haltung zeigt sich auch im Verhältnis der Antipoden. Es gibt keinerlei Aggression, keinerlei Shitstorm, keinerlei fiese Attacken. Ja, der Schweizer Fabrikbesitzer und Nationalrat bekennt, dass die anarchistische Zeitung ihn viel besser informiere, dass er dadurch viel Geld gespart hat.
Trotzdem handelt die Staatsgewalt. Vier Arbeiterinnen werden fristlos entlassen, wie bekannt wird, dass sie der anarchistischen Vereinigung angehören. Inhaltlich dürfte das den heutigen Gewerkschaften entsprechen, die Anarchisten kämpften für gerechte Löhne, für internationale Solidarität.
Die Mittel beider Seiten sind dieselben. Es gibt Zeitungen, Lotterien werden veranstaltet, um entweder die nationalistische 400-Jahre Feier der Schlacht von Murten zu finanzieren oder die Solidarität mit Arbeitern in Baltimore USA. Alle Seiten benutzen die Post. Telegrammtexte müssen in aller Öffentlichkeit laut zum Mitstenografieren gesprochen werden.
Der kleine Ort wird aus Imagegründen neu fotografiert; das zieht strikte Bewegungsverbote nach sich. Überhaupt ist alles scharf auf Fotografie, die reine Sucht, ein Ururahne des heutigen Selfie-Wesens, hier ist man noch auf Berufsfotografen angewiesen. Auch wird fleissig mit Fotografien gehandelt.
Anarchie und Schweizer Uhrenindustrie. Ständig werden in diesem Film von Cyril Schäublin Uhren gestellt. Es gibt vier verschiedene Zeiten, diejenige der Fabrik, die geht 8 Minuten vor, wohl wegen der Produktivität, es gibt die Bahnhofsuhr, die Gemeindeuhr, die Kirchenuhr.
Es gibt auch Wahlen. Wer aber die Steuern nicht bezahlt hat, muss ins Kittchen, zumindest, wenn es sich um eine einfache Arbeiterin handelt – und wählen darf er auch nicht.
Es gibt Einblicke in die Uhrenfabrikation, die extrem knifflig sein kann, besonders wenn es um die titelgebende Unruh geht (dies in schöner Zweideutigkeit); Hunderte von Arbeiterinnen. Sowieso dominiert das Ökonomische die Handlungen zwischen den Menschen; Löhne werden exakt berechnet und in Lohntüten ausbezahlt. Der Fabrikant rechnet die Tausenden von Bestellungen aus aller Welt vor.
Über allem steht ein Zitat des russischen Landvermessers Pyotr Kroptokin von 1877: „ The independence of thought and expression which I found amongst the workers in the Swiss Jura Mountains appelled for more strongly to my feelings; and after staying a few weeks with the watchmakers, my views upon soicalism were settled: I was an ararchist.“
Diese Geschichte wird ironisierend eingebettet in Gespräche adelig-russischer Damen bei einer Fotosession, die sich just über Kropotkin unterhalten, auch darüber, ob er Affären gehabt habe oder sich nur in eine Fotographie, die er in Paris gekauft hat, verliebt habe. Immerhin verliebt sei er gewesen. Das könnte man sich in diesen Film hineininterpetieren, der fast hinterhältig anständig recht unanständige Dinge erzählt.
Was die Darsteller betrifft: nicht eine Sekunde ist Profi-Routine erkennbar; daher hohe Glaubwürdigkeit der Figuren; was die Angelegenheit nur noch faszinierender macht.
Ständige Prozessoptimierung, da ein paar Sekunden gewinnen und dort und die genau austarierten Wege.