Linksbürgerliche Fassade einer Autorin,
das ist es, was diese Dokumentation der Autorin Annie Erneaux und oft auch Protagonistin selber und von ihrem Sohn David so hochspannend macht.
Es ist ein Zeitdokument vor allem der 70er Jahre. Im Jahre 1972 hat die Familie Ernaux eine Super-8-Kamera sich angeschafft. Bis in die frühen 80er hinein wurde das Familienleben – vor allem im Urlaub – gefilmt, bis zur Pubertät der beiden Söhne und der parallelen Zerrüttung der Ehe der Eltern.
Den Hinweis auf die Fassade gibt Annie Erneaux selbst, die inzwischen den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Sie hat, wie ihre Söhne selbst schon Väter wurden, die Filmrollen ausgegraben und zu diesem etwa einstündigen Film montiert. Da die Aufnahmen ohne Ton sind, kommentiert sie aus der heutigen Sicht. Dass sie dieses Familienleben sozusagen zum Schutze ihrer Autorinnenambition führte. Anfangs schreibt sie heimlich. Als ob es sie genierte, selbst ihren engsten Mitmenschen anzuvertrauen, dass sie Schriftstellerin werden will, als wäre das was Anrüchiges.
Mit diesem Wissen ist es besonders aufregend, die Aufnahmen, die als solche typische Super-8-Heimkino-Aufnahmen sind, zu betrachten. Ihnen sieht man die zweite Welt, die tiefere Welt, die Autorinnenwelt quasi immer an.
Der Film berichtet aber auch über bürgerliches Familienleben in den 70ern. Die ersten Flugreisen, mit Swiss Air nach Tanger in einen Club mit Pool und Blick aufs Meere, abgeschottet von den Menschen in Marokko. Eine Flugreise ins Chile Allendes mit geführter Tour. Eine Reise nach Albanien, auch ständig begleitet, genauso wie nach Moskau.
Andererseits die Urlaube hinaus in die Natur, in die Bergwelt, wo die Jungs rumtoben können, auf den Bauernhof. Der Hautpfilmer war der Ehemann und Vater Philippe; er selbst ist daher am wenigsten zu sehen.
Die Entwicklung zeigt auch, wie das Interesse an der Familie nachlässt. Wie die Figuren kleiner im Bild werden, nur noch als Teil von Sehenswürdigkeiten zu sehen sind. Gleichzeitig zeigen die Kommentare den wachen Blick der Beobachterin auch des eigenen Lebens, der Zugang als Autorin, die zusehends mit den Orten auch deren Dichter oder Filme in Zusammenhang bringt.