Unverzeihliche Fehler und ausbaufähige Qualitäten
Das Drehbuch – einmal mehr – hier von Florian David Fitz ist die Wurzel allen Glücks oder allen Übels beim Kino.
Ein schlecht konzipiertes oder nicht gründlich genug durchdachtes, ein thematisch verwursteltes Buch, daraus kann auch nur halbwegs taugliches Kino werden, wenn wenigstens einzelne Szene lustig und lebendig inszeniert und gespielt sind.
Hier fängt es schon beim Thematischen an. Es werden zu viele Themen hineingewurstelt in den Film – und keines richtig behandelt. Das eine ist der Junge von 8 Jahren, der gerne Mädchenkleider trägt und sich Lili nennt. Da schaue man sich den grandiosen spanischen Film Mein Name ist Violeta von David Fernández De Castro an. Wie vielschichtig und vielseitig er das Thema dreht und wendet und ausbreitet; der Film macht auch deutlich, wie tief das Thema bei so einem Menschen geht.
Hier im Film von Hüseyin Tabak (Das Pferd auf dem Balkon, Gipsy Queen) nach dem Drehbuch von Florian David Fitz, muss der verständnislose Vater ausgerechnet Polizist sein, nach dem Motto dümmer als… wäre spannender, wenn ein vorgeblich toleranter Intellektueller mit dem Trans-Thema so nah konfrontiert würde. Von mir aus gesehen eine Drehbuchfehlentscheidung, die verhindert, dass dem Thema Facetten und Nuancen abgewonnen werden können.
Die Ex (Marie Burchard) ist hochschwanger, sie ist so lange hochschwanger, dass man an Inarritus Bardo denkt und glaubt, ihre sämtlichen Kinder seien wieder zurück in den Mutterbauch gekrochen. Ein Thema was absolut nur oberflächlichst behandelt wird und dem Trans-Thema unnötig Raum wegnimmt. Und das reicht dem Drehbuchschreiberling noch nicht. Auch ist ihre Beziehung zu ihm im Eimer. Sie hat einen neuen. Also noch ein existenzielles Problem für die Kinder. Als ob es nicht genug wäre, mit der Oskar-Lili-Problematik.
Und auch dieses Thema wird nur oberflächlichst und wenig glaubwürdig behandelt. Ach ja, und das Judenthema muss auch irgendwie noch rein.
Ein Film der wie ein Ganglion sich durch diesen Themenmix quält, der noch verschmierter daherkommt durch den konturlosen Cast, der noch konturloser wirkt angesichts der drei prägnanten alten Kaliber wie Senta Berger, Burghardt Klaußner, Kida Khodr Ramadan, die wiederum wie in ihrem eigenen Film, der mit dem Rest nichts zu tun hat, wirken.
Der Auftritt von Georgette Dee ist als solcher beachtlich, kann aber im Gesamtzusammenhang wenig leuchten.
Florian David Fitz hat sich, zumindest im ersten Teil, eine an sich prächtige Rolle auf den Leib geschrieben. Bei dem Temperament und dem Tempo seiner Performance wäre einiges ausbaufähig, zuerst vom Buch her und dann von der Darstellung. Im Vergleich zu seinem schauspielerischen Power wirkt der Polizist auf eine Art zu lächerlich. Er müsste sich mehr trauen, die Situationen auf die Spitze zu treiben. Er sollte mal einen Luis de Funès Film genau analysieren. Wie viel weniger so einer an den alltagspraktischen Organisationsabläufen klebt, wie der viel mehr einerseits überhöht, andererseits abstrahiert und dabei nie den Storyfaden verliert.
Hier wird dem Zuschauer eher schwindlig vor ständigem Themenchange und auch der wenigen Entwicklung der Figuren, die erst am Ende gewaltsam zu einem Happy-End verschlungen wird.
Das Buch. Das Buch. Das Buch. Es ist nicht mehr als ein allenfalls tv-taugliches Gebrauchsdrehbuch. Wenn Florian David Fitz sich traute, den ganzenKomiker in sich zuzulassen, dürfte er auf deutlich größere Resonanz stoßen; möglicherweise weit über die Landesgrenzen hinaus. Die Melophasen im Film jedenfalls sind die schwächsten, ein Befund, der auch auf die latente Genre-Unsicherheit hinweist. Fitz sollte stärker am Thema bleiben und dafür maßloser über die Stränge schlagen. Dann würde er wohl von selber auf den beschissenen Musikscore verzichten können, der vor allem Auf Gitarrensaitenzupfen besteht.