Sibirisch für Anfänger

Kann man Russlandversteher werden nach diesem Film von Stepan Burnashev und Dimitrii Daviydov? Das muss offen bleiben, auf jeden Fall ein Bewunderer russischen Kinos.

Der Film ist ein brillantes Panoptikum in mehreren Kurzfilmen aus der Region Jakutien in Sibirien. Aus einer Region, in der ein kleiner Wohlstand da ist, Internet nicht unbekannt, einer Region, in der die Häuser genau so gestreut sind, dass man die Nachbarn sehr genau beobachten kann, und doch so weit auseinander, dass genügend Raum da ist, Spannung aufzubauen.

Es sind grandios erzählte Kurzgeschichten. Mit einer wissenden, behutsam das Interesse steuernden Kamera, was die Erzählung noch großartiger macht. Die Kamera bleibt so ruhig wie möglich und geht genau so nah ran wie nötig, um die maximale Aufmerksamkeitsspanne zu erzeugen.

Die kargen Dialoge mögen an manchen Stellen an Tschechow erinnern, wie ein Gespräch harmlos beginnt, oberflächlich, auch die Frage nach der Sonnenfinsternis, die dann doch nicht zu sehen ist, und wie es bald bei Streitpunkten landet und unkontrollierte Handlungen auslösen kann.

Aber auch hier gibt es nicht nur Schwarz und Weiß, nicht nur Katastrophen. In einer Geschichte wird ein Konflikt mit Schnaps gelöst, der Bezirksvorsteher säuft den Bedroher in Grund und Boden.

Die Geschichten zeichnet auch aus, dass sie die Pointe, die sehr heftig werden kann, oft auslassen.

In der ersten Geschichte sind zwei Buben mit breiten Köpfen, die das Gewehr des Vaters des einen ausleihen. Prompt kommt der Polizist und stellt fest, dass eines fehlt. Das hat Folgen.

Schräg und saukomisch ist die Geschichte vom Mann, der direkt neben dem Gemüsegarten des Nachbarn anfängt, ein Plumpsklo zu bauen. Auch da bleibt der letzte Kulminationspunkt offen und man empfindet das beim Revue-Passieren-Lassen des Filmes nicht als Mangel.

Der Alkohol kann eine treibende Rolle spielen, auch beim Ehemann, der das Haus seiner Mutter verkauft hat und sich nicht mehr an den Nachhauseweg erinnert und beim Aufwachen feststellt, das das Geld weg ist. Das ist eine der Geschichten, die Stepan Burnashev und Dimitrii Daviydov dazu benutzen, die Funktionsweise des Dorftratsches, von Gerüchten und Spekulationen brillant zu skizzieren – und die gnadenlosen Folgen, denn woher hat der eine Nachbar plötzlich das Geld für einen Neuwagen nicht russischer Bauart – auch ein Hinweis auf die Art Wohlstand in diesen russischen Breiten.

Das Politische kommt direkt ins Gespräch bei dem Ehepaar, das über die Wahlen diskutiert und dabei ein breites Spektrum an Ansichten darüber auffächert. Sie diskutieren beim letzten Glas Marmelade auch darüber, ob sie zum Wahlfest gehen sollen; später, wenn die beiden dick in Decken gehüllt in ihrer Heizsparstube sitzen, wird eine Nachbarin erzählen, welcher Kandidat gewonnen hat – nicht gerade einer, der für sich selbst steht.

Das Thema Korruption wird abgehandelt anlässlich eines Autounfalles, den ein besoffener Funktionär baut und wie die Polizei versucht, die Zeugen zu manipulieren. Als Zugabe lassen die Filmemacher zwei Männer auf Entenjagd zusammenprallen und es darauf ankommen wie sie mit dem Konflikt umgehen, dass zwei geschossen haben und und nur eine Ente ins Wasser fällt.

Die Menschen hier sind nicht so einsam wie jene im Film Wettermacher; aber immer noch eigen genug.

Der deutsche Titel erweckt übrigens einen ganz falschen Eindruck von dem Film.

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