Überbetreut
Eine Krankheitsgeschichte
Vielleicht geht es dieser Dokumentation von Katharina Köster, die mit Tobias Tempel auch das Buch geschrieben hat und welcher auch für die Bildgestaltung zeichnet, genauso wie unserem Protagonisten Tobi: er leidet unter Überbetreuung wegen seines Herzfehlers und wegen der späteren Transplantation.
Die redaktionelle Überbetreung nennt die Zwangsgebührentreuhänder Petra Felber und Martin Kowalczyk vom BR, Monika Lobkowicz für ARTE, Ulrike Hafner vom SWR und Christian Mausbach vom WDR.
Zugegeben, es dürfte eine Schwierigkeit sein, eine Doku, die über fast 15 Jahre geht, in einen Guss zu bringen. Anfangs ist der Bub noch 13. Da lebt er schon 12 Jahre länger, als die Ärzte ihm nach der Geburt prognostiziert hatten. Viel Zeit verbringt er in Kliniken, in Kinder-Hospizen; hier werden als stabiliserend die Rituale erwähnt.
Mit 14 erhält er ein Spenderherz. Das verändert seine Lebenssituation, er hat plötzlich richtig Zukunftsangst. Denn vorher musste er sich um die Zukunft nicht sorgen, weil die eh nicht in weiter Ferne lag, weil er sich auf ein kurzes Leben eingelassen hat.
Aber die Dokumentaristin hat die Instinktlosigkeit, ihn nach seiner Lebenserwartung zu fragen. Etwas konfus wirkt die Doku stellenweise. Anfangs ist klar, dass er einen älteren Bruder hat. Nach etwas über 20 Minuten hat er plötzlich einen Zwillingsbruder. Es ist auch mal von einem Vater die Rede. Der taucht als Deus- ex-Machina ganz am Schluss auf, kurz nachdem auch plötzlich eine Schwester, bei der er auf der Couch schlafen durfte, aus dem Ärmel geschüttelt worden ist.
Inzwischen ist die Mutter in Sendepause geschickt worden. Dann will der Bub, der inzwischen ein junger Mann ist, ein Auslandsjahr in Sarajevo machen. Hier wirkt die Dokumentation wie deplaziert. Da die von Hause aus und seit Jahren vertraute Dokumentaristin sich an seine Fersen heftet, ist er ja doch nicht richtig auf sich gestellt; das wirkt wie eine Art Weiter-Betreuung; ein ähnlicher Eindruck entstand, wie er ins Internat kam.
Dann ist Sarajevo plötzlich vorbei und es ist nicht klar, ob er abgebrochen oder das Jahr zu Ende gebracht hat. Manchmal wirkt es so, als stelle die Dokumentaristin nicht die geschicktesten Fragen. Es sind diese nach der Befindlichkeit. Einmal wird es selbst ihm zuviel und er möchte abbrechen. Dass der BR die Sendung in der finsteren Mitternacht versenkt, verwundert – bei aller Sympathie für den Protagonisten – in keiner Weise.