Clody Mountain

Chinesische Katastrophe,

wäre ein Fehlhinweis zu diesem Film von June Lee. Stimmig wäre einzig, dass der Film aus China kommt und ein Katastrophenfilm ist, als Film aber überhaupt keine Katastrophe.

Beim Katastrophenfilm spielt die Herkunft keine allzu große Rolle. Die Natur fordert mit Variationen ihrer Gewalt die Menschlein heraus. Sie rennen und zappeln, sie geben sich wagemutig, waghalsig, halsbrecherisch in Lebensgefahr, um der Katastrophe zu entrinnen, entwickeln sich zu Helden, ja zu Mehrfachhelden, bis professionelle menschliche Katastrophenhilfe, hoffentlich rechtzeitig, kommt, Hilfskräfte gelangen zum Einsatz, es können Dispute entstehen zwischen Funktionären und den Helfern vor Ort, es geht um die Analyse der Katastrophe, auch mal ein Streit um die eventuelle Vorhersehbarkeit.

Zum Katastrophenfilm gehören nachvollziehbare Einzelschicksale. Hier ist es zentral eine Vater-Sohn-Beziehung, die einen Härtetest durchmachen muss. Opferbereitschaft spielt eine Rolle, das eigene Leben zur Rettung anderer riskieren.

Hauptdarsteller aber ist die Natur mit ihren Gewalten, die keine Rücksicht auf Menschen kennen. Hier im chinesischen Exempel eines gelungenen Katastrophenfilmes geht es um den Tunnelbau für eine Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke, ein politisch ambitioniertes Projekt, auch vom Zeitplan her. Verzögerungen sind inakzeptabel.

Was aber, wenn der Berg sich plötzlich bewegt und zwar so, dass jede beobachtende Vorhersage ins Leere geht. Wenn der Berg plötzlich ein unergründliches Eigenleben entwickelt, nicht nur mit Rissen, Steinschlag, sondern auch mit Wasserdurchbrüchen und der Gefährdung für eine Großstadt in der Nähe? Dann spielt der chinesische Katastrophenfilm gekonnt auf der Klaviatur des Genres, physikalische Logik hin oder her, zeigt dem Zuschauer in atemberaubendem Tempo verschiedene Schauplätze rund um das Geschehen, Gruppen verschiedener Akteure, Betroffener und Helfer.

Kinder in Gefahr sind dabei filmisch besonders dankbar, erst recht, wenn sie in der Not anfangen zu singen. Das chinesische Kino zeigt, dass es sein Katastrophenhandwerk beherrscht, durch und durch und mit Suspens und macht ganz nebenbei noch Werbung für das Hochgeschwindigkeits-Zugsystem im Lande, dessen Ausbau durch die Katastrophe kurzzeitig gefährdet scheint. Zwei Kinostunden in atemberaubendem Schnellzugstempo. Bei der Bekämpfung einer solchen Naturkatastrophe spielt vielleicht das politische System weniger eine Rolle als beim Kampf gegen ein kleines, dreckiges, mieses-fieses Virus.

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