Merkel – Macht der Freiheit

60/40-Doku

In einer Szene dieser fernsehaffin kurzatmigen Doku von Eva Weber unter der redaktionellen Betreuung durch Frauke Neeb, Arno Becker und Sophia Dauber erzählt die Protagonistin, Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel, von der Discozeit in der DDR. Es habe da die Vorschrift gegeben, dass 60 Prozent Ost-Musik gespielt werden musste und 40 Prozent Westmusik erlaubt war. Aber es war nicht vorgeschrieben, wie lange die Stücke gespielt werden. So seien denn oft die Ost-Stücke gekürzt worden.

Diese Möglichkeit hat der Zuschauer bei dieser Doku nicht, aber er kann werweißen, wie sie sich zusammensetzt, geschätzte 60 Prozent sind Talking Heads (zum Teil Interviews mit ViPs, die längst vom Radar verschwunden sind, wer war das und das nochmal?) und Archivmaterial und 40 Prozent die Protagonistin selber.

Oder man kann schätzen, dass vielleicht 60 Prozent des Materials eher in die Ecke Klatschspalte gehört und 40 Prozent in diejenige politischer Relevanz.

Die gute Laune jedenfalls wird einem gleich zu Beginn verdorben mit einem überdimensionierten und dem Film ein fatales Signal gebenden Auftritt des vormaligen amerikanischen Präsidenten, dem auch später noch genügend Raum geboten wird.

Der Film macht allerdings auch klar, dass so ein pralles Politikerleben über 16 Jahre allein als Kanzlerin mit dem immensen Material, was es heutzutage über eine Person gibt, die dermaßen in der Öffentlichkeit steht, kaum möglich ist, in 90 Minuten ein verbindliches und treffendes Bild von ihr zu zeichnen. Die schiere Masse, die zu bewältigen wäre, dürfte das schon verhindern.

Wobei der Film allerdings auch nicht ernsthaft genug seinen titelgebenden Fokus „Macht der Freiheit“ erfüllt, daraus auch nicht klar genug ein Konzept entwickelt, was teils der Chronik entlang schlittert, dann wieder ausbüchst; das verunmöglicht es, einen klaren Spannungsbogen zu entwickeln.

Die Macht der Freiheit wird lediglich anfangs aus ihrer DDR-Perspektive eingeführt und verliert sich als Thema aus dem Film. Es ist ein Film für Merkelfans. Die kommen auf ihre Rechnung.

Der Film macht auch klar, dass ihre Karriere allein der deutschen Einheit geschuldet ist, die ihr die Tür ins Politleben öffnete, eine Chance, die sie weidlich nutzte und weidlich nutzen konnte, dank der Eigenschaft, dass sie stets unterschätzt worden sei. Das hat schon ihr Vorbild und ihr Förderer Helmut Kohl von sich behauptet.

Der Film ist eine Hommage an diese faszinierende Frau, versucht ihre Russlandpolitik zu rechtfertigen, blendet die abrupte Wende in der Atomenergiepolitik aus und verteidigt ihre Flüchtlingspolitik geht aber nicht näher darauf ein, dass Deutschland keine vernünftige Einwanderungspolitik betrieben hat. Es ist ein unkritischer Film; ein Rechtfertigungsfilm.

Die Soundspur ist ein Kuddelmuddel und irgenwo hätte dann doch auch noch Bayreuth und Wagner eine Rolle spielen können; was soll’s, Angela Merkel dürfte in der Zeit eines TV-Features eh nicht zu erfassen sein, es muss bruchstückhaft bleiben. Der Film macht einem auch klar, was für beschissene Fragen in Interviews oft gestellt werden und wie anwidernd großkotzig Talk-Shows daherkommen.

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