Mrs. Harris und ein Kleid von Dior – Mrs. Harris goes to Paris

In den späten 50ern war die Novelle Ein Kleid von Dior (Flowers for Mrs. Harris) ein beliebtes Buch. Die Londoner Putzfrau, die davon träumt, ein Kleid von Dior zu kaufen, die diesem fast absurden Traum nachhängt und alles dafür einsetzt.

Das war vielleicht eine typische Zeitgeschichte im beginnenden Wirtschaftswunder, als Träume plötzlich realisierbar wurden. Vielleicht traf das einen Kern der Zeit. (Das Buch ist 1982 von Peter Weck für die ARD mit Inge Meysel in der Hauptrolle verfilmt worden.)

Das ist heute vielleicht nicht mehr ganz so. Wir leben eher in einer Zeit der Desillusionierung mit Inflation, Ukraine-Krieg, Corona und der Angst vor ungeheizten Wohnungen und Dunkelheit. Es bleibt abzuwarten, ob vor so einem Hintergrund der Traum eine Londoner Putzfrau die Leute ins Kino zu locken vermag. Denn schön gemacht ist der Film von Anthony Fabian, der mit Carroll Cartwright auch das Drehbuch nach der Geschichte von Paul Gallico geschrieben hat.

Mrs. Harris (Lesley Manville) ist eine herzanrührende Putzfrau. Sie hofft immer noch, dass ihr Mann aus dem Krieg zurückkommt, bis eines Tages in einem Paket ein an einer Flugzeugabsturzstelle gefundener Ring sie über die vermutlich traurige Wahrheit aufklärt. Das macht sie wohl frei zum Träumen. Bei einer Kundin findet sie im Kleiderschrank ein Kleid von Dior. Das setzt ihre Traummaschinerie in Gang. Sie erfährt, was so ein Kleid kostet. Sie fängt das Sparen an, setzt aber beim Hunderennen auch mal auf den falschen Hund, auf Haute-Couture, welch Symbol.

Anthony Fabian beherrscht das Rezept der Rührgeschichte perfekt. Er weiß welche Details wichtig sind, welche der Geschichte an welcher Stelle die nötige Plastizität verleihen. Die Sparerei verläuft dann doch überraschend und mit Glücksfällen gepflastert gut.

Schon ist Mrs. Harris in Paris mit genügend Bargeld. Das wird noch wichtig, weil gezeigt wird, in welch prekärer finanzieller Situation Dior sich gerade befindet und Barzahler – auch wenn sie nicht dem Image der reichen Kundin entsprechen – plötzlich Beachtung findet.

Am schwierigsten ist es, am Hausdrachen Claudine Colbert (Isabelle Huppert als eiskalter Vamp) vorbeizukommen. Aber das Leben hat viele Schattierungen bereit und viele Menschen, die sich ihre Gedanken machen und so was Verrücktes, wie eine Londoner Putzfrau mit 500 Pfund in bar in der Handtasche, ist ihnen auch noch nicht begegnet.

Das ist dramaturgisch alles gut ausgetüftelt, gut nachvollziehbar inszeniert und dann ist ja da auch noch der snobistische Charmeur Marquis de Chassange (Lambert Wilson) oder das Topmodel Natasha (Alba Baptista), die mehr an den Existenzialisten, an Sartre interessiert ist als am Getue um die Mode und die noch nicht weiß, dass ihr der Geschäftsführer André (Lucas Bravo) eigentlich ganz gut gefällt und nicht irgend ein Lackaffe von Filmschauspieler, der sie als Dekor für Filmpremieren benutzen will.

Das Herz auf dem rechten Fleck haben, das ist die Devise in diesem anrührenden Film, der so vielleicht nicht so recht in unsere Zeit passt – oder an eine schier verlorene Tugend erinnert, auch an jene des Trost-Spendens.

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