Crimes of the Future

Schauderlich Menschlich

Wer sich als Mensch der Zukunft sieht, muss sich fragen, ob er ein Organ hat, was geeignet ist, diesen in süßer Dystopie köchelnden Film von David Cronenberg (Eine dunkle Begierde; Maps to the Stars) nicht nur aufzunehmen sondern auch zu verdauen.

Es geht in dem Film um die Weiterentwicklung des Menschen. Saul (Viggo Mortensen) und seine Partnerin Caprice (Léa Seydoux) sehen sich als Künstler, als Life-Performer, die aus Nichts etwas machen (was sich David Cronenberg vielleicht mit diesem Film auch als Verdienst anrechnen möchte).

Konkret hat Saul die Fähigkeit, sich neue Organe wachsen zu lassen. Die werden noch in ihm tätowiert und nach der Entnahme registriert in diesem kafkaesken Irgendwo im Register für Organ-Neuanmeldungen. Dieses wiederum tut so, als ob es geheim wäre. Es wird betrieben von Wippelt (Don McKeller) und Timlin (Kristen Stewart).

Für sein meisterliches Schauderkabinett hat Cronenberg Topschauspieler gewinnen können, die noch den größten Textmist glaubwürdig und fasinzierend rüberbringen.

Die Ausstattung wirkt in ihrer gepflegten Flohmarktgediegenheit entrückt, der Realität entrückt; Realität, das ist Körper, meint der Film. Und die Körper werden, wenn sie mal in der merkwürdigen, käferhaft entworfenen Autopsie-Apparatur zu liegen kommen, mit Greifarmen wie von Skeletten, andererseits mit Laserpunkten geführt, durchwühlt, um neue Organe zu entnehmen – eine Kunstperformance.

Es gibt eine Rahmenhandlung, die der Film erst nach langer Zeit enthüllt und die auch den brutalen Kindsmord am Anfang erklärt: eine Art Verbindung von Menschen, die sich so umgebaut haben, dass sie sich von Plastik ernähren können, so haben sie ihre Organe verändert. Das ist natürlich angesichts der verheerenden Wirkungen von Mikroplast, der über die tierische Nahrungskette in die menschlichen Organismen eindringen kann, gar nicht so abwegig, siehe den Film The North Drift – Plastik in Strömen. Dieser umweltschützerische Aspekt der Plotidee wird aber mehr zum Anlass für die Storyfantasie genommen und in keiner Weise missionarisch verbreitet. Umwandlung eines tatsächlichen Humanproblems in neckische Kunst, die aber so tut, als genüge sie sich selbst.

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