Alcarrás – Die letzte Ernte

Von wegen Idylle –
lauter kleine und große Dramen

spielen sich bei der Pfirsichbauernfamilie in Alcarras in Katalonien ab.

Drei Generationen der Familie Sole leben auf einem großzügigen Hof mit Pool am Rande ihrer Pfirsichplantage und am Fuße eines pyramidenhaften Berges ohne Bewuchs mit gelblicher Erde.

Es sind die Dramen von Zahnausfall oder dem toten Kaninchen, das die Kinder aus dem Pool fischen. Wie die Kinder sowieso ständig in Bewegung sind, oft den Erwachsenen im Weg.

Auf dem Hof gibt es ständig Dinge zu erledigen. Kleine oder große Dramen: auf dem Arbeiterstrich im Ort, wenn der Pfirsichbauer nur drei statt fünf Männer anheuert – die das gleiche Pensum leisten müssen, weil die Preise so niedrig sind.

lIn Richtung des großen Dramas geht es beim Thema Aufstellen von Solarpanelen. Dies ist einträglicher und garantiert das Überleben im Gegensatz zum mühseligen, immer unrentableren Früchteanbau. Photovoltaik oder Pfirsichanbau? Das ist das große Drama am Hof von Quimet (Jordi Pujol Dolcet), Vater des bereits erwachsenen Roger (Albert Bosch). Und Opa Rogelio (Josep Abad) lebt auch noch auf dem Hof.

Joaquin Pinyol, Sproß von Großgrundbesitzern, erhebt Anspruch auf das Land der Familie. Es gibt nichts Schriftliches über die Besitzverhältnisse. Da ist zwar diese Geschichte der beiden Familien, von Hilfe, Schutz, Gefälligkeit.

Kleine Dramen, die das große andeuten, die Anfahrt von kleinen Kolonnen von Lieferwagen, die die ersten Solar-Panelen anliefern und wie eine Schlange über den Pistenweg kriechen.

Der Film heißt im deutschen Zusatztitel „Die letzte Ernte“. Quimet darf mit seiner Familie noch diese Pfirsichernte tätigen. Dann ist Schluss. Die Zeit bis dahin ist die Spielzeit in diesem Film von Carla Simon (Fridas Sommer), die mit Arnau Vilaró auch das Drehbuch geschrieben hat.

Mittlere Dramen zwischen den großen, die Bauernproteste, die Pfirsiche auf die Straße kippen und höhere Bezahlung fordern.

Mittleres Drama in der Familie: der Bruder von Quimet, Cisco (Carles Cabós) lässt sich von der Solarindustrie anwerben, trägt das orange T-Shirt der Corporate Identity.

Großes oder kleines Drama? Wenn Quimet die heimliche Hasch-Plantage seines Sohnes im Maisfeld entdeckt und diese zerstört, so dass Roger fast durchdreht.

Carla Simón schildert das Leben dieser Familie wie eine Doublage der Realität. Es sind Szenen kleinerer oder großer Dramen, die das Leben auf der Plantage am Pulsieren halten. Die Regisseurin und Autorin lässt den Zuschauer tief eintauchen in die nachgespielte Wirklichkeit und Lebensbewältigung der Pfirsichbauernfamilie.

Folklore, Kirchenchor oder Disco gehören dazu wie das Einkochen von Pfirsichmarmelade oder das Grillieren von Schnecken oder die Tanzübungen der älteren Mädchen, ein exzellent beobachtendes Wimmelbildkino mit glaubwürdigen katalanischen Charakteren.

Schilderung des prallen Lebens in einer Gegend, die von Ferne und touristischerseits betrachtet paradiesisch ist; die Bewohner selbst aber das Paradiesische in keiner Minute genießen lässt; selbst wenn sie mal Spaß haben bei Kindershow oder bei einer Poolparty.

Der Film ist immer gerade da, wo etwas passiert, auch wenn er nur die Zuschauer eines Vorganges zeigt. Es gibt immer zu tun auf so einem Betrieb: Hasenjagd. Bewässerung, Weintrinkerwettbewerb, Feigen ernten und dem Landbesitzer bringen (oder ihm tote Hasen vor die Tür legen), oder Oma erzählt Geschichten, die es in sich haben.

Anspruch des Filmes: das Leben als Ganzes auf so einem Hof opulent zu schildern. Den Eindruck, dass ihm das gelingt, erweckt der Film auf jeden Fall.

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