Wie im echten Leben – Ouistreham

Der Klassenunterschied lebt!

Ausnahmsweise finde ich den deutschen Titel hilfreicher als das Original. Dieses benennt schlicht den Ort der Handlung, Ouistreham, eine Hafenstaddt in der Normandie.

Von hier aus pendeln Fähren nach England. Das wird noch wichtig werden. Im Zentrum stehen Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen, die sich als Putzen durchs Leben kämpfen. Es sind Menschen, die können nichts damit anfangen, einfach so sich mal ans Kanalufer legen und entspannen. Ihr Leben ist ein ständiger Überlebenskampf. Ihre Entlohnung lässt ihnen keinen finanziellen Spielraum. Manche machen zwei Jobs.

Auf den Fähren muss die Gruppe, die hier im Zentrum steht, in anderthalb Stunden über 200 Zimmer sauber machen. Harte Taktarbeit, kaum zwei Minuten für das Neubeziehen eines Bettes. Toiletten sind oft von den Passagieren in wenig erfreulichem Zustand hinterlassen.

Erstaunlicherweise herrscht in der Akkord-Arbeitsgruppe gute Stimmung. Es bleibt keine Zeit für Zicken. Hier taucht als Neuzugang auf, Juliette Binoche als Marianne Winckler. Sie braucht dringend einen Job aus privaten Gründen. Den als Reinigungskraft in einer Ferienanlage hat sie gleich am ersten Tag wieder verloren.

Anfangs ist der Zuschauer leicht irritiert, hm, die Binoche, muss die jetzt auch noch eine Putzfrau spielen, man sieht ihr doch den Weltstar an, man überlegt kurz, wie sie doch wohl anders lebt als die Putzfrauen.

‚Wie im echten Leben‘ passt ausgezeichnet. Und wie im echten Leben inszeniert Emmanuel Carrère, der mit Hélène Devynck das Drehbuch nach einer Kurzgeschichte von Florence Aubenaus geschrieben hat, teils mit Originaldarstellerinnen.

Juliette Binoche unterscheidet sich von denen. Auch von der Story her. Eigentlich ist sie eine bekannte Autorin, die undercover recherchieren will für ein Buchprojekt, wie solch prekäres Leben aussieht und vor sich geht. Sie beutet dieses Leben literarisch aus. Sie macht sich heimlich Notizen. Für die sich anbahnende Freundschaft speziell mit einer der Frauen wird mit der Entwicklung des Filmes, der zum Buch führt, schmerzlich klar, dass die verschiedenen Klassen je ihr eigenes Leben führen; dass eine unsichtbare, unüberwindbare Schranke zwischen ihnen steht, allem Gerede von sozialem Ausgleich, vom gleichen Wert der Menschen zum Trotz,

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