Alles ist in bester Ordnung

Zweimal Leindwandgift auf zwei Etagen

Drei Etagen heißt der neueste Film von Nanni Moretti. Er beschreibt differenziert die Lebens- und Menschenverhältnisse von den Bewohnern der drei Etagen eines römischen Bürgerhauses. Mit Rumms fängt es bei ihm an; ein Nachbarsauto landet in der Parterrewohnung.

Bei Natja Brunckhorst, die mit Martin Rehbock auch das Drehbuch geschrieben hat, fängt es deutlich statischer an. Die Kamera ist in einer Getränkeabfüllanlage und der männliche Protagonist (Daniel Sträßler) guckt lange konzentriert auf irgendwas. Das ist wenig ergiebig zum Vorstellen einer Person.

In der Vorstellszene der anderen Protagonistin (Corinna Harfouch) ist der erste Satz on Screen „Bitte dahinstellen“ zu zwei Figuren, die nach diesem Auftritt abgespielt sein dürften und die ein voluminöses Paket eine Treppe hochschleppen, aber so wie sie das tun, kann unmöglich ein Kühlschrank drin sein.

Irgendwie wuchtet die Protagonistin das große Paket dann in ihre Wohnung; auch hier ist nicht vermutbar, dass ein Kühlschrank darin sein soll. Die Wohnung sieht aus wie ein vollgestelltes, gepflegtes Antiquariat, alles frisch abgestaubt.

Später sieht man die Protagonistin auf einem Fenstersims im Treppenhaus sitzen, dann auch auf einem Bett in einem Bettengeschäft. Sie ist offenbar gerne aushäusig.

Dass der männliche Protagonist im selbern Haus wohnt wird klar, wie er eine tropfende Heizung hat. Allerdings zeigt der Film nur kleine Tropfen, die große Überschwemmung mit dem gesamten Inhalt der Heizkörper des Hauses wird er der Protagonistin, die offenbar über ihm wohnt, schildern.

Das theoretische Konstrukt, das sich die Autoren ausgedacht haben, muss folgendes sein: sie möchten einen Menschen mit Struktur, den Begriff verwendet er auch gerne, mit einem Menschen ohne zusammenbringen. Das missing Link ist die undichte Heizung.

Die Protagonistin wird auch an ihrem Arbeitsplatz gezeigt. Sie hantiert mit etwas ganz Kleinem (Zahnersatz?) auf einer Art optischen Gerät. Frau Harfouch sitzt konzentriert davor. Aber verschlossen. Das soll sie auch sein. Sie geht nicht mit auf einen Kaffee, auf den der Chef seine Mitarbeiter einlädt. Vielleicht steckt die Idee des Messitums dahinter. Ein Mensch, der niemanden in seine Wohnung lassen kann, weil sie vollgestopft ist.

Andererseits scheint diese Wohnung eine liebevolle Ansammlung von hübschen Gegenständen zu sein, denen die Protagonistn im Laden nicht widerstehen kann. Ihre Sammlung ist kultiviert ausgeleuchtet wie eine Ausstellungsvitrine. Und sogar der Nachbar, der in seiner Wohnung nicht bleiben kann, kommt bei ihr unter.

Die Autoren scheinen der Meinung zu sein, wenn sie pointierte Dialoge schreiben, sie hätten schon ein Drehbuch geschrieben. Da sind durchaus intellektuelle Sprachspielereien dabei und auch das Thema, wie viele Dinge der Mensch brauche, wird ventiliert. Allein, so entstehen noch keine glaubwürdigen Charaktere oder spannende Drehbücher.

Es bleibt völig unklar, was der tiefere Grund für die Sammelleidenschaft der Protagonistin ist. Sie scheint selbst mit der Rolle auch Probleme zu haben, oft verlächelt sie Sätze grundlos; dieses Lächeln bleibt künstlich, kleinmädchen-maskenhaft; oder bei ihrem ersten Satz steht sie mit nervösem Fingerkuppenspiel vor dem großen Paket. Die beiden Protagonisten wirken undurchlässig, solipsistisch – oder sie spielen es so.

Der Film hat sich offenbar zum Ziel gesetzt, die Einsamkeit der Figuren zu durchbrechen. Das gelingt ihm jedoch nur formal; inhaltlich nicht, da die Figuren auch nachher noch genauso undurchdringlich sind wie vorher. Es ist ein moralischer Film gegen Einsamkeit. Ein Aufzeigefilm, der nicht mit Urkonflikten der Figuren Spannung und Dramatik erzeugen will.

Die Leinwand vermag aber deutlich mehr, wie Moretti gezeigt hat. Die Musik kann mit dem Film wohl auch nicht allzu viel anfangen, beschränkt sich auf diese filmhäufige Helltonhupferei. Und falls die Ausstattung den Auftrag hatte, eine Messiwohnung einzurichten, so darf man ihr zugute halten, dass sie offenbar noch nie so eine gesehen hat; da wäre der Schweizer Dokumentarfilm „Sieben Mulden und eine Leiche“ von Thomas Haemmerli zu empfehlen. Das zwischendrin behauptete Thema „Chaos und Struktur“ bleibt jedenfalls im Theoretischen hängen oder erfährt nur eine blasse Bebilderung.

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