Das Licht, aus dem die Träume sind

Chalala

heißt die Bahnstation, die einsame Bahnstation, an der Züge kreuzen, irgenwo im malerischsten, im filmmalerischsten Indien, grün ist alles, wohin das Auge reicht.

Bapuji (Dipen Raval), der viel Bewusstsein dafür entwickelt, ein Brahmane zu sein, verkauft an dieser ereignislosen Bahnstation Tee an die Reisenden, wenn ein Zug hält. Besser, sein Sohn Samay (Bhavin Rabari), verkauft ihn. Einen hübscheren, filmhübscheren indischen Jungen mit großen Augen und langen schwarzen Haaren, kann man sich nicht vorstellen.

Samay ist vom Kinovirus infiziert. Sein Vater hat ihn einmal zu einer Vorführung in einen Nachbarsort mitgenommen. Ansteckung im ersten Augenblick. Seither sieht er die Welt mit Kinoaugen. Er kann der Landschaft einen Grünstrich verpassen, wenn er eine grüne Glasscherbe davor hält.

Samay ist der Protagonist dieser ganz eigenen indischen Liebeserklärung ans Kino von Pan Nalin. Dieser kennt die Fimgeschichte, kennt die wichtigen Namen von Amerika über Frankreich, Russland, Japan. Er verehrt sie. Aber er ist weit davon enternt, in ein Epigonentum zu verfallen, denn er ist auch geprägt von der indischen Filmkultur.

Bollywood ist berühmt für seine gefühlvollen Filme, die immer wieder von Gesangsnummern unterbrochen werden; aber auch der Nationalismus, der Hinduismus hat das Kino entdeckt. Indien ist berühmt für seine Kinos, die wohl, der Film spielt 2010, immer noch riesige Attraktionen sind mangels Alternativen.

Nalin fesselt uns erst mal mit einem Kino, das weit weg vom Heute scheint mit Bildern eines altromantischen Indiens, den einfachen Lebensverhältnissen und dem Traum eines Jungen. Vater möchte aus Samay einen vorbildlichen Menschen machen. Samay macht das nicht mit, schwänzt die Schule, haut ab ins Nachbardorf, kauft sich eine Kinokarte oder schleicht sich rein, wenn er kein Geld hat. Er wird rausgeschmissen, aber der Vorführer hat ein Erbarmen, gegen das Mittagessen, das Mutter für den Sohn zubereitet hat mit dem besten Chuputis Brot, darf Samy vom Vorführraum aus zuschauen.

Mutter ist verwundert, dass dem Sohn ihr Lunch plötzlich gefällt. Wie der Film die Zubereitung dieser Speisen zeigt, da kann er mit jedem kulinarischen Kino konkurrieren.

Da das Kino das Land der Träume ist, ist mitunter sehr viel möglich. Samay und seine Knabengang entdecken, dass am Bahnhof Filmkisten umgeladen werden. Sie klauen welche, bauen sich eine Vorführapparatur und wollen damit in einer Ruine Filme anschauen. Anlass für Nalin, einen Einblick in das genauere Funktionieren eines Projektionsapparates zu geben mit dem Schwarzbild zwischen zwei Standbildern, die kurz angehalten werden.

Doch die Digitalisierung macht nicht halt vor der verträumt-romantischen indischen Provinz. Die Zelluloid-Rollen und die schweren Projektoren haben ausgedient. Da zieht der Regisseur noch stärkere filmische Waffen, wie er den Gang des Irdischen im Recycling dieser Dinge zeigt. Und wie er dadurch seine Hommage ans Weltkino zu Ende führt, das gleicht schon einem cinematographischen Hattrick.

Und: was wären die indischen Frauen ohne ihre Armreifen!

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