Verabredungen mit einem Dichter – Michael Krüger (DOK.fest 2022)

Michael Krüger

ist ein Mann des Wortes. Insofern ist die ergiebigste Ausbeute für einen Dokumentaristen, Frank Wierke, seinen Protagonisten reden zu lassen. Das hat zur Folge, dass vor allem er im Bild zu sehen ist aus der Nähe und dass er erzählt.

Für die Bildervielfalt eines Kinofilmes ist das nicht unbedingt dankbar, für den Zuschauer, der den Bilderrausch braucht. Wer sich aber für die Figur interessiert, erhält ungewohnte Einblicke in das Leben eines Münchners, eines Zeitgenossen, eines geschäftlich erfolgreichen Intellektuellen, eines Buchmenschen, eines Verlagsmenschen, eines Dichters.

Der Film dürfte sich auch als Podcast eignen. Die Bilderwelt beschränkt sich auf einige der Umgebungen des Michael Krüger: im Verlagshaus Hanser, wo er als Lektor tätig war, vermutlich in seinem Wohn- und Arbeitshaus mit den Tausenden von Büchern, deren Ordnung nur er kennt, einer Arbeitsbibliothek, in den Innenräumen der Akademie der Schönen Künste, deren Präsident er war, mit Blick auf Opernplatz und die Frauenkirche, eine im Kino eher rare Innenansicht und ein Holzhaus mit Wiesenumschwung am Ammersee, später kommt noch ein Spaziergang am Isarkanal hinzu.

Krüger ist erfolgreicher Intellektueller nicht nur, als er beruflich als Lektor gearbeitet hat, sondern dass Texte von ihm verlegt werden, Gedichte, und dass er zu Lesungen reist. Er ist vielleicht ein Stück auch typisch deutscher Intellektueller, als er leidend jammert über sein Schicksal, das war in der ersten Drehphase als er noch bei Hanser war, und den 14-Stunden-Tag beklagt und die vielen anderen Aktivitäten.

Krüger ist auch ein erstaunlicher Münchner, der nach wie vor ein vorbildliches Norddeutsch spricht. Er stammt aus Sachsen-Anhalt. Seine Großvater war Bauer und hat ihm den Bezug zur Tier- und Pflanzenwelt beibegebracht. Er ist insofern kein weltfremder Intellektueller, als er seine Nahumgebung genau und immer wieder beobachtet, den Baum, der ihn bei seiner Lektoratstätigkeit begleitet oder die Nussbäume nebenan, um deren Produkte sich im Herbst Raben, Taxifahrer und alte Münchnerinnen streiten, weil ihnen Heilkräfte innewohnen sollen.

Krüger ist ein vielbeschäftiger Intellektueller, wie ein Blick in seinen Terminkalender zeigt, hier eine Laudatio, dort eine Lesung, da ein Projekt vorstellen und dann auch noch zur Nobelpreisverleihung nach Stockholm reisen, der umstrittene Handke, doch darüber kein Wort bitte.

Es ist aber auch ein Film, der auf den Übergang zielt. Peilpunkt ist November 2019. Da will Krüger alle seine Tätigkeiten abgeben. Will sich dem Spazieren und Dichten widmen, wobei er schöne Beschreibungen für letztere Tätigkeit hat: er sammelt ständig Gedanken- und Ideenfetzen, die treiben sich irgendwo im Kopf rum und irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo sie sich zu einem Gedicht fügen, verkürzt gesagt, aber nicht so mühsam wie Prosa, die einen stundenlang am Schreibtisch bindet – besonders wenn man, wie er, mit dem Zweifingersystem tippt. Tja, es wurde 2019, dann kam 2020 und damit die Pandemie. Und nicht nur sie.

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