Licht. Stockhausen’s Legacy (DOK.fest 2022)

Monomanie und Multiversum

Wer den Film Mary Bauermeister – Eis und Eins ist Drei gesehen hat, der hat schon mal einen Einblick in eines der Multiversen von Karlheinz-Stockhausen, dem vielleicht innovativsten und kreativsten Musiker des letzten Jahrhunderts, bekommen.

Anhand des Projektes der Aufführung der Oper ‚Licht“ von Stockkhausen durch die Dutch National Opera in Holland versucht Oeke Hoogendij, der mit Fabie Huilsebos auch für Recherche und Drehbuch verantwortlich zeichnet, einen Eindruck des schier grenzenlosen Multiversums des Komponisten auf die Leinwand zu bringen.

26 Jahre hat Stockkhausen an dem Werk gearbeitet. Es ist eine Oper in sieben Opern die an sieben aufeinanderfolgenden Tagen augeführt werden mit einer Aufführungszeit von insgesamt 26 Stunden, ein Ding der schieren Unmöglichkeit. Es ist ein Werk, das keiner in eine Schublade stecken kann, einer der beteiligten Künstler schweigt lange auf die Frage, worum es gehe, von anderen kommt der Kommentar, es sei kindisch, andere wiederum sehen darin den Versuch Stockhausens, sein ganzes Leben, das Leben als Ganzes zu erfassen.

Es sei keine Oper im üblichen Sinne wie eine Wagner- oder Verdi-Oper. Es gibt ein anderes Verständnis für die Beziehung zwischen Sängern und Instrumenten. Einmal gibt es im Vorfeld eine heftige Diskussion darüber, was der Stellenwert der Intreperten sei und dass die Instrumente selbst zu Agierenden werden sollen.

Es gibt die verrückte Phase des Helikopter-Quartetts. Hier sitzen vier Streicher je in einem Helikopter, diese heben ab und der Gesamtsound wird orchestriert und ins Opernhaus übertragen.

Hogendijk macht nicht einen systematischen Tatsachenbericht wie Wiseman beispielsweise über die Pariser Oper. Vielmehr nutzt er das Projekt um das vielfältige Multiversums Stockhausens schillernd aufzufächern.

Es tritt der Widerspruch zwischen monomanischer Künstlerpersönlichkeit mit der Sehnsucht nach Vielfalt, Vielfältigkeit – auch in den Beziehungen – hervor, nach ständiger Innovation.

Aber Stockhausen ist auch eine „consuming person‘. Es tritt der absolut auktoriale Künstler ins Licht, der mit dem Tod des Vaters, der ein Nazi im Krieg war und wohl freiwillig sich ins gegnerischer Feuer begeben hat, der Junge, dessen Mutter nach einer Schwangerschaftsdepression in der Klinik gelandet ist, und wenn ich das richtig verstanden habe, von den Nazis als unwertes Leben vergast wurde.

Diesem Jungen konnte keiner mehr dreinreden. Er ist der absolute Schöpfer seiner Musik. Und auch seiner Familie, einer multiversen Familie aus vielen Kindern und einer Ménage à Trois. Wobei Stockhausen selbst hier nicht die Grenze gesehen hat. Das war eine seiner Frauen. Die Kinder sind musikalisch begabt. Er zieht sie heran. Er musiziert mit ihnen, hält sie teils sogar für begabter. Er will die Familie zusammenhalten.

Aber die Kinder lösen sich von ihm. Er kann das nicht verdauen. Es kommt zu jahrelanger Kommunikationsstille zwischen ihm und einem Sohn und einer Tochter. Das ist seine Monomanie, die nichts neben sich duldet; besonders wie ein Sohn sich selbständig macht als Musiker und Komponist.

Und es ist ein merkwürdiger Gegensatz, wie jetzt die halbe Verwandtschaft an der Aufführung dieses Megawerkes mitwirkt. Wie hier der Versuch unternommen wird, einer ganz genauen Intepretation des Werkes, also gerade nicht auktorial, sondern quasi streng nach Vorschrift. Repertoire-Kunst im schönsten Sinne. Der Film macht direkt Lust, das Werk einmal life zu erleben. Sollte es je wieder zur Aufführung kommen. Es scheint, als ginge es in dem Werk um die pure Gegenwart, die pure Präsenz des Seins.

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