How to Save a Dear Friend (DOK.fest 2022)

Niedergang eines Menschen
Depression Federation

Fast kann der Film von Marusya Syroechkovskaya gelesen werden als ein Bild vom Niedergang Russlands unter Putin.

Wie Marusya Kimi kennenlernt, ihren Protagonisten, Geliebten, Mann, Freund, kommt in Russland gerade Putin an die Macht. In seiner ersten Neujahrsansprache, die eingeblendet wird, hält er die Werte von Freiheit und Demokratie hoch.

Die Welt von Marusya und Kimi ist nebst dem anfänglichen Liebesmärchen voll von den Ideen eines Alexander des Großen, von Curt Cobain, es ist eine hoffnungsvolle, erotische Welt, wild; Aufbruchszeit, Showtime, sorglos in den Tag hinein; filmischer Wirbelrausch der Jugend; immer aber auch in der Nähe des Todes; es gibt so viele Möglichkeiten, dem Leben ein Ende zu setzen, es gibt lange Listen von Bekannten, die es getan haben.

Alles was über dreißig ist, wird von den 16-Jährigen als Arschlöcher angesehen. Entsprechend wild montiert die Filmemacherin ihr Footage aus fahrig-spontaner Kamera und Technomusik. Jugend, die rumhängt, träumt, andererseits perspektivlos ist im üblen Moskauer Viertel Butovo, einer seelenlosen Satellitenstadt aus endlosen Wohnhochhäusern; im Film wird sie Depression-Center genannt. Wo die Menschlichkeit in engen Räumen, in intimen Räumen stattfindet, wo die Jugend rumhängt oder wild in Discos tanzt.

Maria, wie Kimi Marusya nennt, filmt immer und überall. Sie schneidet auch Kindheitsfootage von sich und ihrem Freund hinein. Sie heiraten. Drogen kommen ins Spiel. Maria entdeckt, dass Kimi sich nicht einfach in ihr Leben einbauen lässt – sie formuliert es zwar nicht so, aber sie bemerkt, dass er andere Prioritäten hat. Sie trennen sich.

Maria bringt Bilder von einem Amerika-Aufenthalt. Die Info darüber bleibt fragmentarisch, improvisiert, es geht bei so einem Film nicht um das Zubereiten justiziabler, amtlicher Information.

Zum Footage gehören häufige Bilder von Demos, von Polizeigewalt. Einmal von einem todesmutigen Sprung von einer Brücke von Kimi, den aufzunehmen Maria sich geweigert hat. Aber es gibt noch andere Freunde. Die Verletzungen waren unerfreulich.

Der Prozess des Niederganges dieses jungen Menschen, der so geistig wach, so sensibel war als junger Mann, als Student, ist schleichend, schmerzhaft. Maria dokumentiert weiter. Kimi entdeckt den Wohlfahrtsstaat, der ihm regelmäßig Aufenthalte in Psychiatrien bezahlt. Kimi wird immer mehr zur Ruine. Gleichzeitig steht es um die Freiheiten in Russland immer weniger gut.

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