Tatort: Warum? (ARD, Sonntag, 1. Mai 2022, 20.15 Uhr)

Emotionskonstruktivistisch –
Drehbuch auf dem falschen Fuß aufgestanden?

Dieser Tatort von Max Färberböck, der mit Catharina Schuchmann auch das Drehbuch geschrieben hat, fängt mit einer Liebesszene im Bett von zwei jungen Menschen an. Lukas (Matthias Egersdöfer) und Mia (Julie Engelbrecht) liegen nackt, ARD-Hauptabendprogramm-tauglich nackt, im Bett. Er streichelt sie. Sie tauschen Liebesworte. Zart, nicht heftig.

Färberböck inszeniert das, als stünde er nicht unter dem Druck, in 90 Minuten das Tatort-Storytelling-System erfüllen zu müssen. Die Szene fesselt und nimmt einen ein für den Fortgang der Geschichte. Es wird eine Liebesgeschichte interrupta werden.

Allerdings ist diese einführende Szene im Hinblick auf den sich herausstellenden Plot irreführend. Lukas wird bald darauf ermordet. Ohne Grund scheint es. Er ist ein beliebter Mitarbeiter einer Pharmafirma. Es scheint, als sei es einer dieser Willkürmorde, wie sie inzwischen auch passieren, dass ein Passant am helllichten Tag niedergestochen wird. Der Täter rauscht mit dem Fahrrad nach einer Minute oder zwei davon.

So scheint es hier anfänglich auch. Färberböck lässt sich von seiner Emotionsszene am Anfang selbst verleiten. Das Mitgefühl, was der Zuschauer sowieso schon entwickelt, weil er ja die Liebesszene gesehen hat, lässt er auch jede Menge andere Darsteller spielen: Betroffenheit, Sprachlosigkeit, Fassungslosigkeit bei Mia, bei der Mutter von Lukas (Valentina Sauca), beim Vater von Lukas (Karl Markovics).

Es wirkt als sei der Film emotionkonstruktivistisch entwickelt worden: wo kann den Darstellern wieviel Emotion, wie viel Bedröppeltheit abverlangt werden, die das Kommissarsduo Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) zusätzlich in ihrem gedämpftem Ton spiegeln müssen.

Der Plot ist allerdings ein ganz anderer: der ist ein knallharter Wirtschaftskrimi, ein Thriller.

Da die Review erst nach Ausstrahlung online geht, besteht kein Grund für Spoileralarm.

Der scheinbar harmlose junge Mann ist bei seinem Arbeitgeber milliardenschweren Betrügereien mit Pharmazeutika einer Bulgarien-Connection auf die Spur gekommen. Vielleicht ist er mit seiner Entdeckung allzu naiv umgegangen. Das hat ihn das Leben gekostet.

Man kann so eine Geschichte sicher auf verschiedene Arten erzählen, aber doch nicht so, dass der Zuschauer glaubt, es gehe um eine ganz andere Geschichte; dass dem Zuschauer das Ausmaß des Thrillers grad mal zehn Minuten vor Schluss eröffnet wird. Das ist Veräppelung des Konsumenten.

Dafür müsste beim BR Stephanie Heckner als verantwortliche Redakteurin den Kopf hinhalten. Wird sie sicher nicht tun. Aber der Name taucht bei so vielen Produktionen auf, dass zu vermuten, dass sie die einzelnen Projekte gar nicht gründlich genug analysieren und beurteilen kann und dass dann solch unbefriedigenden Produkte auf Zwangsgebührenzahlers Kosten entstehen. Der wird allenfalls entschädigt durch das nach wie vor munter unverbraucht wirkende Kommissarduo Manzel/Hinrichs und auch durch die fränkisch sprechende Fraktion der Darsteller, die ihre Sprachfarbe nicht mehr ganz so dick aufträgt wie auch schon; viele der Gastschauspieler sind andererseits nicht zu beneiden für die Bedröppelrollen, die ihnen wie auch immer zugeschustert worden sind.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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