Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush

Herz-Schmerz-Wonnepfropfen-TV vor ernstem zeitgeschichtlichem Hintergrund

Meltem Kaplan ist als die Titelfigur Rabiye Kurnaz der Wonnepfropfen, eine Entertainmentwucht in diesem Film von Andreas Dresen nach dem Drehbuch von Laila Stieler, der immer wieder wichtig ist, ob jemand und wieviel Zucker in den Kaffee tut oder dass ein Apfelkuchen schmeckt, oder ob man Cola vorrätig hat, diese kleinen Dinge des Alltags.

Es sollte eigentlich ein bitter ernstes Thema behandelt werden: das völkerrechtswidrige Gefangenenlager von Guantanamo, das die Amis in ihrer Post-9/11-Hysterie und in ihrem Antiterrorkrieg auf Kuba errichtet hatten, wo Gefangene nicht nur ohne Anklage darbten, sondern auch brutal gefoltert wurden; das Lager gibt es heute noch.

Es geht um den news- und schlagzeilenträchtigen Fall des Sohnes von Rabiye, der in die Fänge einer Koranschule geriet, nach Pakistan reiste und angeblich von den dortigen Behörden als Terrorist an die Amis verkauft worden sein soll.

Staatsbürgerlich gesehen ist der Sohn Türke; er ist aber in Bremen aufgewachsen und sozialisiert worden. Insofern müssten auch die deutschen Behörden ein Interesse daran gehabt haben, aus humanitären Gründen ihn wieder aufzunehmen, wie die Amis es der damaligen rot-grünen Regierung angeboten haben; aber für Rot-Grün hat der damalige Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier rumlaviert und Kurnaz nicht zurückgenommen. Es hätte nur einer kurzen diplomatischen Note bedurft. Kurnaz kam aber erst frei, nachdem Angela Merkel Bundeskanzlerin geworden ist.

Was machen nun Andreas Dresen und Laila Stieler draus? Sie konzentrieren sich auf das Private. Sie machen die Leinwand zur großen Bühne für Meltem Kaplan, die rundlich-mütterliche Frau, die Herzen gewinnen kann oder wie man sagt, das Herz auf dem rechten Fleck hat, die nur gebrochen Deutsch spricht, vielleicht nicht ganz so naiv ist, wie sie tut, die immer lustig aussieht mit ihren meist hochtoupierten Frisuren, wie sie gerne in Provinzfriseursalons produziert werden und der es passiert, dass sie im Transatlantikflug einen Upgrade erhält.

Autor und Regie lassen ihre Protagonistin auch gar nicht erst großen Schmerz zeigen über das Schicksal ihres Sohnes. Sie ist ein Muttertier und will ihren Sohn zurück. Das ist das Dreigroschenheft-Need des Falles, was direkt bedient wird. Es ist die privatistische Seite, die beleuchtet und ausgewalzt wird, ähnlich wie schon in Die Welt wird eine andere sein über den Hamburger 9/11-Terroristen; als ob das deutsche Kino wie einst Rot-Grün Angst hätte, daraus einen Justiz- oder Politthriller zu machen.

Da ist uns der Apfelkuchen und der Zucker im Kaffee doch näher. Oder auch mal das Cabriolet, das der Papa plötzlich hat. Es ist ein ordentlicher Fernseh-Cast und eine ordentlich Fernsehregie, was Andreas Dresen abliefert für ein Feelgoodmovie, in dem viel gekichert und auch gelacht wird über die kleinen Fallen des Alltags, ein rechtes Bieder-TV, allerliebst, praktisch unter Ausblendung der gravierenden politischen Komponente. Vielleicht ist es schlicht die Welt von Lieschen Müller, die hier abgebildet wird und der politische Zusammenhänge rätselhaft sind. Oder: die neue deutsche Biederkeit? Es geht auch anders mit politischen Themen: Curveball.

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