Die Odyssee

Märchenform der Erzählung kann ein fantastisches Mittel sein, um furchtbare Geschichten und Lebensläufe erträglich zu erzählen, besonders, wenn sie wie hier im Film von Florence Miailhe, die mit Marie Desplechin auch das Drehbuch geschrieben habt, mit reiner Zeichen- und Malkunst animiert werden.

Die Geschichte hat einen realen Hintergrund, es ist die Flucht der Oma der Künstlerin 1905 aus Odessa. Sie hat das Leben auf der Flucht in einem Zeichenbuch festgehalten, das die Regisseurin in ihre Geschichte integriert, eine Geschichte, die in einer modernen Zeit spielt, in der es schon Handys gibt, die aber sonst nicht näher definiert ist. Sie erinnert daran, wie viele Millionen Menschen auch heute auf der Flucht sind, wie viele Menschen alles verloren haben, wie viele Menschen der Willkür oder dem Wohlwollen anderer Menschen ausgeliefert sind, Menschen, deren Familien auseinandergerißen werden. Ursache ist meist ein Krieg. Jetzt wieder grauenhaft zu erleben in der Ukraine.

Die Geschwister Kyona und Adriel leben mit ihren Eltern in einem Dorf, das Novi Varna heißt. Soldaten brandschatzen und plündern das Dorf. Die Familie flieht. Soldaten trennen die Eltern von den Kindern. Sie erleben nun die titelgebende Odyssee, bei der auch sie sich unterwegs aus den Augen verlieren. Sie geraten als Straßenkinder in die Hände von Menschenhändlern. Eine reiche Familie kauft sie. Aber die Kinder sind nicht glücklich.

Über alle schwierigen Situtationen rettet Kyona ihr Skizzenbuch. Da sind die Erinnerungen drin, sie porträtiert die Menschen, die sie sieht. Das Buch ist ihr Schatz. Das Zeichnen lässt sie diese Situation des Nichts-Seins und Nichts-Habens ertragen.

Die Kinder fliehen in einen Wald. Verlieren sich. Eine Hexe rettet Kyona. Sie flieht weiter. Kyona führt als Ich-Erzählerin durch den Film. Es ist die Zeit ihres Coming-of-Age. Es begegnen ihr verschiedene Jungs, Männer, Eredvan, Iskender. Aber es gibt keine Stetigkeit von Beziehung, keine Entwicklung.

Die Zeitenläufte reißen die Menschen immer wieder auseinander, bringen manche von ihnen in einem Zirkus wieder zusammen. Die Bilderwelt brilliert immer, im Zirkus ist sie bunt, als ob Blaue Reiter sie gezeichnet hätten, sie kann aber auch eisig-wintrig-kalt sein, düster wieder der Wald, in den zu gehen die Reichen Angst haben. Sie kann Übergänge fantasieren, die die Erzählung in smartem Fluss hält, obwohl das Leben für diese Menschen eine einzige Fledderei und Einkerkerei ist, aus der es aussichtslos zu entkommen scheint. Filmkunstwerk.

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