Eingeschlossene Gesellschaft

Betroffenheitskino

Der Film wirkt, als habe sich ein begabter Pennäler (Jan Weiler) den Frust über die Schule von der Seele geschrieben. Schon die Titelgebung wirkt so. Sie bezieht sich auf Sartres Klassiker ‚Huis Clos‘ (Geschlossene Gesellschaft), wirkt aber in der Veränderung auf „eingeschlossen“ lediglich witzlos verhunzt.

Klar hat der Pennäler schon einiges gelesen und gesehen, dass das dramaturgische Prinzip des Einschließens einer Menschengruppe in einen Raum und dann sie die Wahrheiten übereinander auskotzen lassen, einen Reiz hat.

Hier geht es um eine Lehrergruppe eines Gymnasiums, die im Lehrerzimmer sich auf den Absprung in den Feierabend vorbereitet. Es klopft. Jetzt inszeniert Sönke Wortmann eine Riesennummer, in der die Lehrer diskutieren, ob sie überhaupt aufmachen sollen; das dient wohl dazu, die Spannung anzuziehen. Wirkt aber so, als hätten sie vorher bereits das Drehbuch gelesen.

Es ist kein Schüler, der klopft, sondern ein Vater (Thorsten Merten). Der ist mit der Benotung seines Sohnes unzufrieden, gibt dem versammelten Kollegium (Anke Engelke, Nilam Farooq, Florian David Fitz, Torben Kessler, Thomas Loibl und Justus von Dohnányi) eine Stunde Zeit, es sich in einer regulären Konferenz anders zu überlegen, und sperrt die Tür von außen ab. Dass er es ernst meint mit der Geiselnahme, beweist er mit einer Pistole, mit der er auf die Kaffeemaschine schießt.

Die Lehrer finden ein von einem Schüler beschlagnahmtes Handy und rufen die Polizei an. Die ist aber dümmer als in der dümmsten Schülerzeitung erlaubt und nimmt die nicht besonders intelligenten Anrufe nicht ernst.

So bleibt Zeit für Sönke Wortmann die Texte des dem Film zugrunde liegenden Hörspiels von Jan Weiler in dumpfem Trott Satz für Satz zu filmen. Jeder Schauspieler kommt immer wieder dran und spricht seinen anstehenden Satz. So ist kein Rhythmus und keine Spannung zu erzeugen, umso mehr, als die Charaktere klischiert bleiben und auch als solche gespielt werden.

Die Sätze sind eine Aneinanderreihung von wenig überraschenden Pointen, teils brauchbar, teils weniger. Sie zeigen auf, was die Diskrepanz ist bei so einem Lehrkörper, die Differenz zwischen Erscheinungsbild und Geschichte, die charakterlichen Probleme von allen, dabei sollten sie doch Vorbilder sein. Es wirkt so, als soll intern so ein Lehrkörper aufgearbeitet werden. Für Insider.

Es gibt einige Außendrehs, bei der Polizei, in der Vergangenheit oder bei den Kids beim Rollerskating. Sonst kommt die Schule in der herrlichen Hässlichkeit eines Backstein-Beton-Glasbaues zur Geltung. Man riecht förmlich den Lehrer- und Schülerschweiß, der die Eigenart eines solchen an sich schon eigenen Biotopes ausmacht.

Das Problem der Glaubwürdigkeit scheint zu sein, dass es sich um ein ad-hoc-Projekt handelt, also eigens erfunden, um das Kollegium zu filettieren. Andererseits ist es nicht als solches etikettiert; weil dann könnte es wieder spannend sein. Es fehlt die Verbindlichkeit schaffende Rahmenhandlung. Die Darsteller kommen in dem Raum zusammen, um unter der Regie von Sönke Wortmann die Weiler-Sätze ordentlich zu sprechen. Für einen spannenden Kinofilm ist das zu dünn, zu oberflächlich, er wirkt wie ein nicht weiter entwickeltes, theoretisches Konstrukt, papieren.

Wortmanns fliesenreines Klarkino, was er sich wohl bei der Werbung angewöhnt hat (jedes Bild muss eine klare, eindeutige Aussage haben und darf vom Produkt nicht ablenken), hat bei Contra bestens funktioniert hat, da es um Klarheit des Gedankens ging); hier geht es ins Leere. Daraus folgt, dass das wohl am Buch liegt, welches bei Contra ein denkerisches Problem behandelt, während hier bei Jan Weiler, das über eine ressentimenthafte Kompilation von Lehrerwitzen von Pennälern kaum hinaus geht, zu einem überraschungsfreien Sterilkino wird; Weilers Buch mithin zu schwach, zu unausgegoren erscheinen lässt.

Vielleicht haben die Produzenten es an der Verpflichtung von qualifizierten Lektoren mangeln lassen.

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