Bis wir tot sind oder frei

Ausbrechen ist nicht strafbar

und die Verhältnisse in Gefängnissen entsprechen nicht immer der Würde des Menschen und der Konvention der Menschenrechte.

So auch in der Schweiz in den späten 70ern, frühen 80ern. Die wurde damals sogar wegen Isolationshaft von Amnesty International gerügt. In der Zeit gab es in der Schweiz den berühmten Ausbrecherkönig Walter Stürm, der populär war.

Über ihn hat Reto Kohler ein Buch geschrieben: „Stürm – Das Gesicht des Ausbrecherkönigs“. Das Buch hat Oliver Rihs zur Grundlage genommen, um mit Ivan Madeo, Norbert Maass und Oliver Keidel das Drehbuch für diesen Film zu schreiben, in welchem er auch Regie führt.

Rihs hat sich prächtig entwickelt seit seinem letzten hier besprochenen Film Affenkönig, der mehr wie ein Flausenfilm daherkam. Von den Flausen hat er sich vielleicht gerade so viel erhalten, um genau dem schelmisch/komödiantischen Charakter seiner Hauptfigur zu entsprechen.

Diesen Walter Stürm spielt Joel Basman. Der ist ein knallharter Profi als Schauspieler, arbeitet und arbeitet und eines Tages schneit es ihm so eine Traumrolle herein. Denn das ist die Rolle zweifellos für einen Schauspieler. Der ist ein Verwandlungskünstler, ist raffiniert, schlau, denkt sich was und hat auch Humor.

Bei einem Ausbruch hinterlässt er folgenden Zettel „Bin Ostereier suchen“. Diese Charakterzüge haben Stürm damals so populär gemacht in der Schweiz, besonders in der linken Szene, die Demos für ihn veranstaltet hat.

In dem Spektrum war auch die Anwaltskanzlei tätig, in der die andere Hauptfigur des Filmes als Anwältin arbeitet. Es ist Marie Leuenberger als Barbara Hug. Sie ist wegen defekter Nieren gesundheitlich schwer beeinträchtigt. Geht an einem Stock. Nach einem gelungenen Ausbruch kontaktiert Stürm sie.

Es entwickelt sich ein widersprüchliches Verhältnis zwischen den beiden, zwischen Anwältin und Klienten. Sie organisiert auch eine Flucht Stürms in den Schwarzwald in die Villa von Meret Spengler (Bibiana Beglau) aus strammen Nazi-Verhältnissen stammend, die hier viel linkes Spektrum versammelt bis in den Umkreis der RAF.

Nach Traumurlaub sieht der Fluchtversuch in einem Wohnwagen in Richtung Süden aus, bei welchem Heike (Jella Haase) Stürm, wiederum großartig verkleidet, begleitet. Dieser Trip endet an der Grenze mit einem Schusswechsel und Verletzung von Stürm.

Stürm fordert immer wieder Freiheit, kämpft mit seiner Anwältin gegen Isolationshaft, tritt in Hungerstreik, provoztiert das Leben, wie der Titel des Filmes sagt, tot oder frei sein; Stürm fordert immer wieder die Würde des Menschen, wobei diese Forderung sich eher so anhört, als ob ein Angestellter bessere Bedingungen für seinen Arbeitsplatz verlangt.

Aber wie Stürm die offenbar grenzenlose Freiheit auf Teneriffa hat, kommt er damit nicht zurecht. Dort öffnet der Film die Gefängnisperspektive aufs Meer. Der mit fast zwei Stunden vielleicht etwas zu lang geratene Film, gegen Ende hin könnte er eine gewisse Straffung ertragen von wegen Rhythmus und Tempo, wird mühelos getragen von dem schauspielerischen Traumduett Leuenberger/Basman. Ansonsten liefert Oliver Riehs ein süffiges Erzählkino, das bestimmt keine Verdauungsbeschwerden verursacht und einen locker über Sinn und Unsinn von Gefängnisstrafen reflektieren lässt.

Julian Reischl hatte schon 2007 mit einer kleinen Werbeaktion auf den Filmemacher Oliver Rihs und seinen Film Schwarze Schafe hingewiesen.

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