Vatersland

Der Film von Petra Seeger erzählt frei nach dem Motto „Alles ist autobiographisch, selbst das Erfundene (Claude Simon)“ von der Schaffenskrise der Drehbuchautorin und Regisseurin Marianne (Margarita Broich). Sie lebt mit ihrem Mann und vermutlich dem gemeinsamen Mädchen zusammen.

In diese Schaffenskrise wird eine altmodische Überseekiste hineingetragen. Darin ist das Archiv ihrer Kindheit und Jugend. Dieses besteht aus Fotoalben und aus Schmalfilmen, die ihr Vater leidenschaftlich mit einer Bolex geschossen, die Fotos in der Dunkelkammer entwickelt und in den Alben versammelt hat.

Diese unglückliche Kindheit und Jugend breitet der Film ausladend vor uns und Marianne aus. Präsentiert wird es in einer Art Stream of Consciousness oder Stream of Remembering der Filmemacherin. Dieser besteht aus Anteilen des Archivmaterials ihrer eigenen Jugend, aus nachgestellten und nachgespielten Szenen und zu kleinen Teilen auch aus kinematographischer Illustrierung ihrer Gefühlswelt.

Geboren wurde Marianne in den 50ern, in der Wirtschaftswunderzeit. Diese sorgt mit „Mariandl“ von Conny Froebess oder mit „Hundert Mann und ein Befehl“ von Freddy Quinn für wenige heitere Punkte im Film.

Vorab gibt’s einen kurzen Abriss von Bildern, die der Vater als Hitler-Soldat (Helmut Seeger) im Krieg schoss. Die Mutter (Margarita Broich) stammt aus dem Sudetenland und stirbt an Krebs, wie Marianne 9 Jahre alt ist. Der Vater (Bernd Schütz) will den Kindern Benimm beibringen. Er könnte gesehen werden als ein Heinz Erhard, aber ohne den Humor. Die Familienbilder aus den 50ern könnte man gerne als prototypisch bezeichnen, das Auto, die Italienreise, das Camping.

In der Ausstattung der Räume dieser Zeit lässt der Film große Hingabe und den Versuch der Genauigkeit erkennen, Kaffeekannenwärmer, bedruckte Tapeten, Oma-Schürze. Im Fernsehen wird eingespielt Footage von Adenauers Beerdigung (direkt vor den Toren des Internats in Köln, in dem Marianne zu der Zeit untergebracht ist), von den Studentenunruhen und dann noch von einer Apollo-Mission.

Momentweise erinnert der Film aber auch an den berühmten Dia-Abend aus jener Zeit. Wie es offenbar so ist, bei der Vorbereitung zu einem Drehbuch, man muss unendlich viel Material sichten, Anekdotisches reiht sich an Anekdotisches. Dabei kommt der Gedanke, dass das Leben oft viel dröger ist als ein Spielfilm, bei dem eben gestrafft und ausgesondert wird.

Hier aber wird das sehr persönliche und anrührende Bildmaterial zu einer Strecke von fast zwei Stunden. Der Story-Plot beschränkt sich darauf, dass Marianne gegen Ende aus ihrer Schreiblähmung befreit ist, dass sie jetzt die Idee zu einem Drehbuch hat und an die Arbeit geht, ganz am Schluss war es dann wundersamerweise gleich der Film, der diese Hypothek in sich trägt.
Eine ausladende Selbstbefassung, Lebensrevue mit Widmung: Petra Seeger in Gedenken an ihren geliebten Mann Joachim von Mengershausen 1936 – 2020.

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