Parallele Mütter

Die Erde erzählt,

dass die Untaten von Unrechtsregimes an den Tag kommen werden. Da braucht es anthropologische Forensiker wie Arturo (Israel Elejade). Da braucht es Familienmitglieder, Verwandte, Menschen die die Massacker beobachtet haben, die wissen, wo unter der Erde die Ermordeten liegen.

Spaniens Erde allerdings ist nicht besonders gesprächig hinsichtlich der Aufarbeitung der Franco-Diktatur und ihrer Gräueltagen. Das zeigte schon Franco vor Gericht: Das spanische Nürnberg? oder auch: Francos Erbe – Spaniens geraubte Kinder. Im Gegensatz zu Deutschland, wo sich eine ganze Aufarbeitungsindustrie etabliert hat; wer irgend einen nicht beschriebenen Unrechtszipfel des Dritten Reiches ausfindig macht, eine noch nicht erzählte Biographie, der kann in Deutschland mit großer Wahrscheinlichkeit damit rechnen, die Gelder dafür zu bekommen.

Der spanische Kinomeister Pedro Almodovar möchte mit diesem Film seine Landsleute auf die Defizite bei der Aufarbeitung aufmerksam machen. Und da er wohl die Erfahrung gemacht hat, dass sie hochallergisch reagieren, so wie die Türkei bei dem Thema armenischer Völkermord, so reagieren vielleicht die Spanier, wenn es um die Untaten des Franco-Regimes geht.

Dies im Bewusstsein hat sich Almodovar eine gänzlich unverdächtige Geschichte ausgedacht, die er am Rande mit dem Hinweis auf die gesprächige Erde verbinden kann, um so das Thema in wohlig-melodramatischem Ambiente groß auf die große Leinwand zu bringen.

Almodovar erzählt die Geschichte von Janis (Penelope Cruz). Sie ist Fotografin, arbeitet in einem Studio in Madrid. Sie kommt aus einem Dorf, in welchem alte Bewohner von so einer Geschichte, die unter der Erde vergraben ist, zu berichten wissen. Sie wissen auch ganz genau wo.

Bei einer Fotosession lernt Janis den forensischen Anthropologen Arturo (Israel Elejalde) kennen und fragt ihn, ob er ihr bei der Erkundung des gewissen Grundstückes behilflich sein könne. Dass die beiden schnell auch im Bett landen, das schildert Almodovar köstlich, indem er vor dem betreffenden Schlafzimmer ein weißes Bettuch sich im Winde wölben und sich aufbauschen lässt, so lässig und locker kommentarsymbolisch.

Die Begegnung hat eine Schwangerschaft zur Folge. In der Geburtsklinik lernt Janis Ana (Milena Smit) kennen. Die beiden Frauen gebären zur selben Zeit. Und gleich schon werden die beiden Kinder wegen kleinerer Probleme einen Tag lang zu Untersuchungen gebraucht.

Die beiden Frauen entwickeln eine Freundschaft. Zwischen ihnen baut sich das von Almodova meisterhaft geschilderte Melodram auf. Bald wird auch klar, dass das Kind von Janis gar nicht ihr Kind sein kann. Es läuft auf eine Verwechslungsgeschichte hinaus, mild und menschenfreundlich geschildert, nicht so hart und brutal wie im kaukasischen Kreidekreis von Bertold Brecht aber auch nicht so sozialkritisch wie im indischen Film Mitternachtskinder oder im japanischen Like Father, like Son.

Verwechslungsgeschichte im Kino. Es ist ja auch nur eine Geschichte, die die Spanier dazu bringen soll, ins Kino zu gehen, damit sie ganz neben bei auf ihr Versäumnis beim Aufarbeiten der eigenen Geschichte hingewiesen werden, darauf, dass die spanische Erde wohl noch einiges zu erzählen hat.

Die Kunst spielt bei Almodovar eine Rolle. Die Mutter von Ana, Teres (Altana Sánchez-Gijón) ist Schauspielerin. Auch solche tun sich oft schwer mit ihrer Mutterrolle – oder wie hier: Großmutterrolle. Aber die Rolle der Dona Roswitha für eine Tournee, da kann die Schauspielerin nicht Nein sagen. Und wenns mit der Kunst nicht funktioniert, wie bei Janis als Fotografin, sie wird von der Porträtfotografie abgezogen wegen der Geschichte mit Arturo; bleibt noch die Sachfotografie, dazu blendet Almodovar reizvolle Bilder von Schuhen und anderen Gegenständen ein; perfekt.

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