Was Tun

Tinte nach Bangladesh

WAS TUN – ohne Fragezeichen, hebt sich ab von der Leninschen Frage Was tun?.

Im ersten, hier titelgebenden Satz im Film von Michael Kranz wird das Wort „Tun“ betont. Das „Was“ wird nebensächlich. Bei Lenin war klar, dass er handeln, tun will, aber er wollte vorher abklären, was, also bei ihm wird das erste Wort betont „Was“ mit Fragezeichen dahinter.

Hier bei Michael Kranz scheint es mehr darum zu gehen, irgendwas zu tun, also er muss halt irgendwie einen Abschlussfilm machen, zehn Jahre oder mehr nach Beginn des Studiums an der Dokumentarfilmklasse der HFF. Wobei das dann doch mehr ein Problem der Lehre zu sein scheint, wenn Studenten am Ende ihres Studiums offenbar keine Ahnung haben, worüber sie einen Film machen wollen. Das sind immerhin mit von den teuersten Ausbildungen im Lande – für Leute, die nicht wissen, was tun?

Michael Kranz wollte offenbar Gutes tun. Er hatte das Bild einer jungen Frau aus einem Film von Michael Glawogger im Kopf (Whores‘ Glory), die als Jugendliche in Bangladesh zur Prostitution gezwungen wurde und bei Glawogger fragt, warum sie so ein Leid ertragen müsse. Diese Frau wollte Kranz finden und ihr helfen. Ob ihm von Anfang an bewusst war, in welch neokolonialistischen Fußstapfen er treten würde? Wie er dort als reicher Weißer, der noch über die Macht des Mediums Film verfügt, sofort begehrt und wichtig wird?

Fernando Pessoa: „Wie glücklich muss jemand sein, der ans Unglück der anderen denken kann. Wie töricht, wenn er nicht weiß, dass das Unglück der anderen ihr Eigentum ist und nicht von außen geheilt werden kann. Leiden ist doch nicht Mangel an Tinte oder eine Kiste ohne Bandeisen.“

Es sieht so aus, als wollte Michael Kranz mittel Abschlussfilm Tinte nach Bangladesh tragen.

Sicher, der Film ist als Footage-Montage konsumierbar, ist bunt, zeigt Bilder aus Bordellen in Bangladesh, die vielen, dicht gedrängten Prostituierten mit Kleidern aus bunten Stoffen und dazwischen der viel größere Weiße, der Neokolonialist, der die Leute immer fragen muss, ob er sie filmen darf.

Aber es ist die Grundfrage, die einen unbefriedigt zurücklässt, kann das der Sinn von Dokumentation sein? Kann das der Sinn der Lehre von Dokumentarfilm sein, dass ein Student sozusagen x-beliebig irgend einem Menschen auf der Welt, auf den er zufällig stößt, weil er oder sie für Glawogger offenbar filmergiebig war, vielleicht eine Ausbildung zur Kosmetikerin oder Frisörin ermöglichen will? Ist dafür so ein exklusives, teures Studium nötig? Sind das nicht Dinge, für die wir die Kirchen haben, die Entwicklungshilfe, jede Menge NGOs?

Nebst Fahrten durch das Land kommt ein Kontakt zu einer sozialen Einrichtung zustande, die Frauen aus Bordellen aufnimmt. Das ist eher ein Gefängnis, sie würden geschützt, meint einer, der da arbeitet. Raus können sie nur, wenn ein Familienmitglied sie abholt. Kranz fragt sich angesichts des Elendes, eine natürliche menschliche Regung, wie er denn helfen könne. Das erinnert an Fernsehshows, die im Sinne der Unterhaltung Menschen Wünsche erfüllen oder auch Menschen zusammenbringen. Beides wird der reiche Mann aus dem Westen auch tun. Er wird über seinen Facebook Account einen Aufruf starten und, das ist fast ein Wunder, in der begrenzt kalkulierten Zeit seines Aufenthaltes werden die mit 700 Euro tatsächlich ein Heim für Knaben hinstellen, das in bunten Farben angemalt wird.

So ein Film hat etwas Zwiespältiges. Dank Kamera und dem Look des weißen Mannes, erhielt der Dokumentarist vielerorts erleichterten Zugang, ja er hat sich sogar als Verbrechensjäger betätigt, mindestens indirekt, insofern als der Mädchenhändler, den er, wenn auch bis auf Augenschlitze vermummt, vor der Kamera erzählen lässt und der inzwischen vor Gericht gestellt worden sei. Der hat auch ziemlich unverfroren damit angegeben, wie er junge Frauen gefügig macht, missbraucht und verkauft.

Vor allem verrät Michael Kranz in dem viel zu schnell und kaum zu lesenden Abspann, der die Schicksale der Protagonisten kurz weiter erzählt, nicht, ob er selbst denn inzwischen zur Frage „Was tun?“ eine Erkenntnis gewonnen hat.

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