Ehe, Coming of Age, Sex
Mit dem Schlager von den 99 Luftballons rahmt Elmar Imanov, der mit Anar Imanov auch das Drehbuch geschrieben hat, seine gleichermaßen charmante wie präzise Träumerei aus Aserbeidschan zum Thema Liebe ein.
Imanov siganlisiert deutlich, dass diese Familie aus Vater, Mutter und halbwüchsigem Sohn (Rasim Jafarov, Kamala Israfilova und Mir-Movsum Mirzazade) irgend eine Familie aus einem der wuchernden Wohnblöcke in den Außenbezirken einer großen Stadt ist.
Der Vater ist Schauspieler, grad nicht beschäftigt, schläft viel, ist manchen Angeboten gegenüber skeptisch, neigt zum Alkohol, bleibt auch mal eine Nacht weg. Die Mutter bringt offenbar das Geld nach Hause und hat ein Angebot, in der Nähe von Berlin in der neuen Klinik eines Bekannten zu arbeiten. Sie würde erst eine Zeit hinfahren und dann den Mann und den Sohn nachholen. Das stößt bei den beiden auf spröde Resonanz.
Der Sohn ist relativ klein, hat aber ein markantes Gesicht und ist mit so viel Selbstbewusstsein ausgestattet, dass er von seiner noch platonischen Liebe verlangt, er möchte vorher seine Erfahrungen in Bordellen machen. Er mietet auch keck eine heruntergekommene Absteige an, um seine Liebesfantasien auszuleben. Er beeindruckt den Vermieter im Anzug, mit perfektem Benimm und mit der Aussage, er sei Web-Designer.
Ja, es wird gelogen in diesem Film, es wird, davon ist auszugehen, gelogen in Beziehungen. Was ist die erfüllte Beziehung? Der Junior kann es sich nicht vorstellen, nur mit einer Frau zusammen zu sein. Die Ehe der Eltern ist kein Antörner hinsichtlich ausgelebter Beziehung.
Die Familie macht auf Vorschlag der Mutter einen Ausflug zum Meer. Es ist kaum was los, Saisonende, wie der Filmtitel andeutet. Heimlich besorgt sich Papa Whiskey, seine Frau bemerkt das und ist plötzlich verschwunden. Daraufhin spart Imanov nicht mit Schwarzbild. Dann nutzt er dieses Verschwinden, um einen Blick in verdrängte Wünsche oder Wunschträume, die vielleicht in jedem Menschen, der sich für eine Beziehung entschieden hat, wabern, vielleicht auch das Gefühl, Dinge verpasst zu haben dadurch, wie der Junior schon als Vorbedingung für das Zusammensein mit seinem Mädchen formuliert hat. Es wird hier besonders deutlich, dass mit dem Coming-of-Age auch bei den Eltern die Liebes- und Sexfrage sich verstärkt meldet, eine neue Virulenz und Dringlichkeit erhält.