Wunderschön

Ein „Olle Mutti und am Schluss sind alle Glücklich“-Film

Hier sind vor allem die Schauspieler zu bewundern. Das spricht für Karoline Herfurth, die mit Monika Fäßler und Lena Stahl nicht nur das Buch geschrieben hat, sondern auch eine der Rollen spielt als auch die Regie führt und die somit in letzter Instanz vermutlich auch über den Cast entscheidet. Dieser beweist, welches Darsteller-Potential es im Filmland gibt, mit dem es weit über die Grenzen hinaus punkten könnte.

Zu spielen sind von diesen exquisiten Darstellern vor allem zu einem Wimmelbild zusammengefügte Alltagssituationen, teils pures Klischee, wenn auch nicht als solches dargeboten.

Friedrich Mücke ist der karrieristische Familienvater, der die Kinderversorgung seiner Frau überlässt. Ganz selbstverständlich. Es verwundert, dass deutsche Drehbuchautoren keine Toprollen für diesen Schauspieler schreiben, die international vermarktbar wären. Karoline Herfurth ist die „olle Mutti“, wie sie sagt, seiner Kinder, das zweite noch im Säuglingsalter. Sie ist mit Milchabpumpen und den geburtsbedingten Veränderungen ihres Körpers beschäftigt, überlegt sich Fettentnahme.

Joachim Król ist großartig als der dumpf-dimpfelige Rentner, der sich an seine Frau und deren Hausarbeit gewöhnt hat und keine Veränderung in dieser WG will. Er setzt sich vom Privatgefängnis, wie er es wohl sieht, das seine Frau ihm bereitet, ab, indem er vorgibt, sein Nachfolger brauche seine Hilfe. Marina Gedeck als seine Frau spielt die bekannte Martina Gedeck und leidet unter der Abgestorbenheit des Gefühlslebens in ihrer Beziehung, das sie mit einem Tangokurs für beide reanimieren will. Sie wird das Gedeck-Rollenmuster durchbrechen und – nach ewigem Anlauf – lachen (!); allein zu sehen, welche Anstrengung sie da kostet, ist der Besuch dieses viel zu lang geratenen Filmes wert. Dazu muss ihr Göttergatte vorher mindestens die Wand zertrümmern.

Der entwaffnende Maximilian Brückner ist ein Fest, wie er das angestaubte Männerbild von Lehrerkollegin Nora Tschirner widerlegt.

Nicht so ganz glaubwürdig ist, dass die taffe Frau mit der Modelagentur, für welches Rollenfach im deutschen Kino normalerweise Bibiana Beglau zuständig ist, die Mutter des klischeetypischen dicken Mädchens Leyla (Dilara Aylin Ziem) sein soll und die noch dazu Baseball spielt. Sie immerhin kriegt einen filmhübschen Boy ab, auch das vermutlich mehr Traum als Realismus; die Dinge sind schon fett aus einer Märchenkiste geklaubt.

Die Schwester von Mücke, die eine Modelkarriere machen will, ist die im deutschen subventionierten Film zur Zeit angesagte Emilia Schüle.

Erst nach und nach im Film wird der Zusammenhang der Hauptfamilie offenbar, Story als Familienrätsel, Gedeck-Król sind die Eltern, Mücke/Schüle sind die Kinder, Herfurth ist die Schwiegertochter, Tschirner ist befreundet – typologisch gesehen, passen die Figuren nicht zusammen.

Was soll’s, den Darstellern zuzuschauen ist wunderschön und man tut allen, die man nicht extra erwähnt, Unrecht. Andererseits: eine gerechte Kritik gibt es eben auch nicht. Wenn ich Regisseur wäre und Rollen zu vergeben hätte, so wäre es ein positives Vorauswahlsmerkmal, falls ein Darsteller, eine Darstellerin in dieser Produktion beschäftigt gewesen wäre.

Was dem Film seine begrenzte Dauer und Reichweite einbrockt: das ist einmal mehr das Buch, das Buch, das Buch. Es reicht nicht, und wenn man das noch so seriös macht, den Alltag zu beobachten, die auftretenden Problemchen, erst recht wenn es primär Hygiene- oder Schönheitsprobleme, Befindlichkeiten, sind, zu beobachten und zu notieren und dann solche Szenen in einem erfundenen Menschenzusammenhang zu montieren. Das ergibt den Wimmelbildcharakter, der weit von einer spannenden Story entfernt ist.

Hier, das ist vielleicht Bidet-Kino zu nennen, weil Unterwäsche, Badezimmer, Umziehzimmer eine große Rolle spielen, Muttigruppe, Erziehungsfalle, Selbstwertgefühl, GV mit Furz gepaart, Menschen hilflos in Beziehungen, Altersprobleme, Antiaging-Film, Fettabsaugen und dann noch Kinderbuchkritik wegen Frauenbild.

Das alles ergibt vielleicht eine Materialsammlung, die über die Leinwand flimmert mit ein paar losen Geschichtssträngen. Die Kunst bestünde im Reduzieren, darin, aus dem Material eine packende Story herauszukristallisieren, gar zu konstruieren, ja, das Reduzieren wäre ganz wichtig, das Trennen von den Lieblingen. Hier scheint es sich vor allem um diesen Abfall einer möglicherweise starken Geschichte zu handeln: es scheint sich bei den Szenen vor allem um Lieblinge der drei Autorinnen zu handeln, von denen offenbar keine für ein plausibles Storykonzept verantwortlich war. Das macht den Film dann bestenfalls nett, aber belanglos.

Was das Frauenbild betrifft, ist es ein konservativer Film, der pausenlos hervorhebt, wie benachteiligt und wie zu wenig geschätzt und beachtet Frauen doch sind. Das ist vermutlich genau das Frauenbild, das männliche Fernsehredakteure und Filmförderer besonders gerne haben.

Nachsatz: die Darstellerinnen und Darsteller haben durchs Band ein vorzügliches Make-Up. Das Make-Up ist zudem aparter als die dauernd sülzige Musik.

Faktisch festigt der Film das Vorurteil, Frauen seien das schwache Geschlecht, indem die Frauen sich hier ständig wehren müssen oder glauben, das vorurteilshaft stark apostrophierte Geschlecht manipulieren zu müssen. Frauenproblemfilm. Das geht auf Kosten der Charakterstudien, das heißt, die Probleme ergeben sich lediglich aus dem Frau- resp. Nichtmannsein und nicht aus dem Menschen immanenten Widersprüchlichkeiten; insofern wird auf ein starkes dramaturgisches Drehmoment verzichtet, das Konflikte erzeugen könnte. Hier gilt es, Hygieneprobleme zu lösen.

Dass Frauen auch ganz andere Filme machen können jenseits von Milchabpumpen, Fettabsaugen und Tangokurs hat Claire Denis schon vor über 20 Jahren gezeigt mit „Trouble Every Day“, der am 3. März nochmal in die Kinos kommt und der möglicherweise eine Inspirationsquelle für einen anderen aufregenden Film einer Frau gewesen sein dürfte, für Titane.

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