Egalité

Unerklärliche Blindheit

Es gibt sie, die unerklärliche Blindheit, sie mag nervlich oder psychosomatisch bedingt sein. Die Ärzte können sie nicht erklären. Blindheit als solche ist negativ belastet. Einzig beim Thema Justiz gilt sie als qualitativ konstituierendes Symbol; darauf dürfte auch der Filmtitel mit dem französischen Wort für Gleichheit, Egalité, anspielen. Vor dem Gesetz sind alle gleich, ohne Ansehen der Person.

Kida Khodr Ramadan, der mit Constantin Lieb auch das Drehbuch geschrieben hat, benutzt den Fall einer plötzlichen, unerklärlichen Blindheit des Mädchens Leila (Dunya Ramadan), um anhand der Familie Aydin (Vater Attila: Burak Yigit, und Mutter, Susana Abdul Majid) einen aktuellen Blick auf den Stand der Integration in Deutschland zu werfen.

Familie Aydin ist praktisch bürgerlich integriert, bewohnt eine großzügige Wohnung, überlegt sich, einen Sprinter als Familienauto zuzulegen, die Kinder gehen ordentlich zur Schule, sprechen einwandfrei Deutsch.

Mutter ist die perfekter Integrierte. Beim Vater scheint die Schale deutscher Bürgerlichkeit noch recht löchrig. Das zeigt sich nach der Mandel-OP von Leila. Die verzögert sich erst und nach dem Aufwachen kann Leila nichts mehr sehen. Attila reagiert schnell unbeherrscht, cholerisch. Mutter beschwichtigt; sie ist die Coole, Beherrschte, nur nicht negativ auffallen.

Hier wäre es ein Gedankenspiel angebracht, wie denn ein deutscher Bourgeois ohne direkten Migrationshintergrund sich aufführen würde. Im cholerischen Falle wäre gut denkbar, dass er mit Gericht und Rechtsschutz droht und auch ziemlich laut würde.

Durch das Problem der Blindheit treffen die Eltern mit anderen Menschen zusammen, Ärzten, Ladenbetreibern, Empfangspersonal (den Deutschesten darunter, der gar kein Verständnis hat, spielt der Regisseur selber). Das Kanakenelement ist so gut wie nicht mehr dabei.

Später greift Attila zu einem Akt der Selbstjustiz: der lässt eher auf eine Sozialisierung durch das amerikanische Fernsehen schließen.

Ramadan hat einen natürlichen Erzählduktus, der sich angenehm abhebt vom oft hochsubventionierten deutschen Themenfilm mit seinen erfunden Figuren und Dialogen. Es liegt Ramadan daran, die Verhältnisse so plausibel und glaubwürdig wie möglich zu schildern, was ihm auch exzellent gelingt unter Verzicht auf jegliche Art von Mätzchen oder Bemühung um Originalität. Er nähert sich – gar nicht blind – dem Hier und Heute. Dabei wandelt sich der Begriff Integration in Richtung Verbürgerlichung.

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