Lamb

Sacken lassen

Diesen Film von Valdimar Jóhannsson, der mit Sjòn auch das Drehbuch geschrieben hat, muss man nach dem Schauen vermutlich erst mal sacken lassen. Hier dürfte der Langzeiteindruck der entscheidende sein.

Dass man sich den Film merken kann, dafür sorgen nicht nur die Darsteller Noomi Rapace als Maria, Hilmir Snaer Gudnason als ihr Mann Ingvar und Björn Hlynur Haraldsson als dessen Bruder Peter in den Hauptrollen, dafür sorgt das karge isländische Landschaftbild mit den schroffen Berghängen, die an Ramuz erinnern, dafür sorgt der Topos der Tiermenschen und dafür sorgt nicht zuletzt die Nennung von Bela Tarr im Abspann, bei dem Valdimar Johannsson studiert hat und der auch als executive-Producer des Filmes firmiert.

Im Vergleich zu Bela Tarr ist es jedenfalls ein recht schneller Film. Ein Schaf und noch ein Schaf und noch eines und ein Hund und eine Katze und nicht 20 Minuten lang eine einzige Kuh in einer Einstellung auf einer Weide.

Andererseits ist der Film wieder langsam genug, dass Zeit bleibt, zu überlegen, wie groß wohl der Kleiderschrank oder das Garderobemobil mit den Klamotten für Noomi Rapace gewesen sein muss, das immer irgendwo vor der Kamera versteckt ist; auch bei der Bettwäsche gibt es Varianten wie im Wäschehaus.

Maria und Ingvar führen eine kinderlose Ehe. Ihr Traktor, mit dessen Hilfe sie Kartoffeln pflanzen oder den Boden lockern, macht ab und an sonderbare Geräusche. Diese werden noch sonderbarer ergänzt durch tiefe, nicht näher definierte Geräusche auf der Tonspur, die aus Mythen oder unergründlicher Tiefe kommen könnten.

Wie das Ehepaar das Schaf an Kindes statt angenommen hat, ihm ein Kinderbettchen im Elternschlafzimmer aufgestellt hat, wie sich das Schaf vom Hals abwärts erkennbar zu einem Menschenkind entwickelt, kommt Ingvars Bruder zu Besuch. Er muss mit dem Kinderglück in der Familie seines Bruders zurechtkommen, andererseits wird er die Treue von Maria zu Ingvar auf die Probe stellen.

Jóhannsson stellt mit seinem Film dezidierte Bildbehauptungen auf, verzichtet auf jegliche Erklärung und fordert vom Zuschauer, sich selbst seinen Reim darauf zu machen, seine Schlüsse zu ziehen, seinen Blick auf die Dinge allenfalls in Frage zu stellen.

Dem soll in keiner Weise vorgegriffen werden mittels Verzicht auf Deutungen. Ein kleiner Dialog des nicht allzu gesprächigen Ehepaares geht um das Thema Zeitreise. Das mag der eine oder andere Zuschauer als Interpretationshilfe lesen. Das Kind heißt Ada, wie eine Person auf dem Friedhof. Und wer nicht weiterkommt, der darf ruhig zu einem Whisky greifen. Dann dürfte er bereits etwas begriffen haben.

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