Bad Tales – Es war einmal ein Traum (Favolacce)

Die sich ankündigende Pubertät der Kinder wühlt die Eltern auf.

Das sich ankündigende Coming-of-Age der Buben bringt hier im Film der Gebrüder Damiano und Fabio D’Innocenzo die Väter durcheinander, deutlich mehr durcheinander als die Kinder selbst; so durcheinander, dass auch die Erzählung, die eine reife Männerstimme vorträgt, sich selber nicht sicher ist, was wahr ist, was unwahr, was banal und was nicht und wer sie geschrieben hat, ein Mädchen vorgeblich mit grüner Tinte und irgendwann hörte das Tagebuch abrupt auf.

Die Männerstimme behauptet, es sowieso nur an sich genommen zu haben, wegen der unbeschriebenen Seiten, um diese selber zu füllen, vielleicht mit dem, was uns die sinnlich-italienischen Bilder, oft von Zikaden oder Farb-Varianten bis hin zum Geplärre davon auf der Tonspur unterstützt, vor Augen führen, anfangs oft auch mit Kamera- und Bildspielereien. So dass dem Betrachter ganz schwindlig wird in der Unterscheidung, wer ist jetzt hier wer und wer erzählt das gerade.

Es scheint auch, dass die Väter Bruno (Elio Germano) und Amelio (Gabril Motesi) ihre erst ahnungsvollen Buben Dennis (Tommaso di Cola) und Geremia (Justin Korovkin) beinah mit Gewalt zum ersten Sex treiben wollen.

Der Film selber ist wie die Buben auf die entsprechenden Symbole sensibilisiert. Am deutlichsten die Sexbombe. Die ist hochschwanger. Sie kann schon Milch zapfen, gibt einige Tropfen auf einen Keks und offeriert diesen dem Milchbuben Geremia.

Die Buben selber schauen vor allem ausdrucklos, mehr noch Geremia; während Dennis immerhin Musterschüler ist. Geremia bastelt eine Bombe, möchte das ganze Viertel in die Luft jagen. Die Todessehnsucht ist die Umrahmung des Filmes.

Die perfekte Familie sitzt vor dem Fernseher und hört Nachrichten. Eine Schlagzeile berichtet von Eltern, die ihr Neugeborenes in der Badewanne ertränkt und sich dann beide vom Balkon in die Tiefe gestürzt haben. Der Song über dem Abspann handelt von der Notwendigkeit zu sterben.

Ein Kupplungsversuch elterlicherseits nutzt die Masern des Buben, um das Mädchen, das noch nicht die Masern hatte, anstecken zu lassen; ein verquerer Versuch der Zwangsannäherung, um das Coming-of-Age voranzubringen.

Es wirkt, als wollten die Eltern dieses möglichst schnell hinter sich bringen. Ein anderer Versuch besteht darin, dass das mental reifere Mädchen (körperlich noch so gut wie gar nicht), es mit dem Jungen probieren möchte, was furchtbar schief geht.

Gleichzeitig haben die Kinder freien Zugang zum Sex-Chat eines Vater über dessen Handy. Und der ist ziemlich direkt. Wobei auch hier nie ganz klar ist, wieviel die Kinder davon verstehen.

Der Film ist die Aneinanderreihung von Szenen der zwei Protagonistenfamilien eines Sommers, zuhause, im Pool im Garten, auf dem Lande. Er beschränkt sich oft auf Andeutungen, auf das Anskizzieren kleiner Begebenheiten.

Bei allem ungeschickten Eingreifen der Eltern wirkt es doch so, als seien die Kinder allein gelassen, als müssten sie selber aus den banalen Bildern des Alltags das herauslesen, was nicht gezeigt wird, was nicht erzählt wird. Insofern kann der Film auch gelesen werden nach seinem eigenen Motto: die Bilder darauf hin zu befragen, was ‚dahinter‘ ist. Als sei das Coming-of-Age etwas Verhextes. Das ist es vielleicht auch.

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