Lebenslinien: Renate Schmidt – Die Unbeirrbare (BR, Montag, 3. Januar 2022, 22.00 Uhr)

Nichts geplant,

aber vieles auf die Reihe gekriegt.
Antikarrieristin – aber Familienmensch. Das erste Kind mit 17 nicht geplant. Es musste geheiratet werden, die Familie ernährt. Job als Mutter in der Datenverarbeitung bei Quelle in Nürnberg. Ungleichbezahlung von Frauen. Logisch, dass Renate Schmidt in der Gewerkschaft landet, weil sie etwas verändern will, dass sie in der SPD landet, weil sie etwas verändern will. Und dann plötzlich Bundestagsabgeordnete in Bonn.

Der Film von Steffi Illinger setzt die Familie in den Mittelpunkt. Oft sind die Schwester oder die Tochter und die beiden Söhne zugegen, der zweite Mann an ihrer Seite, den sie Jahre nach dem Tod des Vaters ihrer Kinder heiratete. Familie geht ihr über alles. Was nicht heißt, dass sie deswegen auf die Poltik verzichtete. Es musste mit der Familie vereinbar sein.

Dieses Ungeplante, dieses nicht Berechnende, diese Offenheit und Direktheit der Ex-Politikern, sind und waren es, die ihre soviel Resonanz gebracht haben. Daran hat sich nichts geändert. Sie überstrahlt das Format Lebenslinien mit ihrer ungeschnörkelt direkten und herzlichen Art, die nicht den Verdacht aufkommen lassen könnte, dass dahinter eine Berechnung stünde.

Engagierte Bürgerin ist sie bis heute, wenn es um eine inhumane Abschiebung oder um halbherzige Berichterstattung in der SZ geht, dann meldet sie sich. Also nicht nur eine vorbildliche Politikerin, auch eine vorbildlich demokratische Bürgerin.

Man könnte diese Lebenslinien auch so bilanzieren: Renate Schmidt, Steffi Illinger und Redakteur Christian Baudissin nutzen sie, um Renate Schmidt als Familienmenschen zu porträtieren, als Votum dafür, dass Frau, Familie und Karriere sehr wohl zusammenzubringen sind; weil es für sie offenbar immer noch keine Selbstverständlichkeit ist.

Andererseits verleitet gerade dieses demonstrative Vorführen von intakter Familie dazu, zu hinterfragen, ob die Karriere der Mutter wirklich so schadlos an der Familie vorbeigegangen ist – oder ob die Schäden nicht anders sind als wie bei anderen Karrieremenschen auch – egal ob Mann ob Frau?

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