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Das Glaukom

ist zwar nicht die hervorragendste Symbolik in dieser fast exakt drei Stunden langen Verfilmung einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami aus „Men without Women“ durch Ryusuke Yamaguchi, der mit Oe Takamasa auch das Drehbuch geschrieben und bestimmt viel mehr in den Film gepackt hat als die zugrunde liegende Kurzgeschichte hergegeben haben dürfte.

Das Glaukom steht immerhin für eine generelle menschliche Fähigkeit, Dinge zu sehen, gerade in mitmenschlichen Beziehungen oder eben nicht und sich nachher Schuldvorwürfe zu machen.

Das Glaukom ist eine Augenkrankheit, die zum totalen Sehverlust führen kann. Das hat schon Thomas Bernhard zentral in seinem Stück über den Philosophen Kant eingesetzt, der nie aus Königsberg heausgekommen ist, sich aber wegen eines Glaukoms auf eine Seereise begibt, die sich in der Aussprache nicht von der Sehreise unterscheidet.

Der Protagonist des Filmes Yusuke Kafuku (Hidetoshi Nishijima) hat ein Glaukom. Autofahren ist für ihn schwierig. Er ist Schauspieler und mit der Drehbuchautorin Oto (Reika Kirishima) zusammen.

Mit einer intimen Bettszene fängt Yamaguchi seinen Film an. Nicht Sex wird praktiziert, die beiden erfinden zusammen eine Geschichte von einer Frau, die sich heimlich in das Haus ihres Angebeteten schleicht. Sie heißt Neunauge und ist ein Meerwesen mit Saugnäpfen und weder Fisch noch Aal. Mit dieser ersten Szene schon gibt der Film zu verstehen, dass er sich im Bereich der schicken, hippen Literatur-Kulturverfilmung bewegt. Und da hupft er nach einem kleine Abstecher zu Warten auf Godot von Samuel Beckett bald schon zu Onkel Wanja von Tschechow.

Vor allem beim Autofahren hört der Protagonist, der Schauspieler, das Stück immer und immer wieder ab von einem Tonband. Wobei er selber den Onkel Wanja spielt und also dessen Textstellen Leerstellen sind. Wer allerdings nicht dick vertraut ist mit dem Stück, muss sich mit Fragmenten begnügen, die nicht unbedingt ein grelles Licht auf das Stück werfen.

Das mit dem Glaukom wird Folgen haben, nachdem einige Zeit vergangen und die Lebensgefährtin des Protagonisten unvermittelt gestorben ist.

Herr Kafuku hat, sie nennen es ein „Stipendium“, für zwei Monate einen Regieauftrag bei einem internationelen Theaterfestival in Hiroshima. Das steht für Versöhnung in der Pazifikregion: es ist ein Stück, in dem nicht nur Koreanisch, Japnaisch und Mandarin gesprochen wird, eine Darstellerin ist stumm und kann sich nur mit koreanischer Gebärdensprache ausdrücken.

Das Festival stell dem Regisseur einen Wagen zur Verfügung. Mit Fahrerin, das ist das Besondere, es ist Misak Watari (Toko Miura). Die redet nicht viel, kann nur Autofahren, trägt ständig eine Baseballmütze. Diese Zwangsbeziehung ist von Anfang darauf angelegt, dass die beiden ins Gespräch kommen werden; dabei passiert mit dem Film ein Drall von der elegant gediegenen bürgerlichen Literaturverfilmung mit Nähkästchenblick in die Kulturproduktion in Richtung Schuldbekenntnis und Sehenlernen.

Die Fahrerin akzeptiert Herr Kafuku auch nur, weil er mit dem Sehen Schwierigkeiten hat. Und auch hier wird sich durch die Beziehung das Sehen auf seine tiefgründige Interpretation lesen lassen, im Sinne von Erkenntnis. Gerade auch im Hinblick auf seine verstorbene Frau und deren leichtfertigen Seitensprungverhältnisse mit Schauspielern wie Koji Takatsuki (Masaki Okada), der – Ironie der Geschichte – bei Herrn Kafuku – viel zu jung – den Onkel Wanja spielen soll.

Eine neckische Geste entwickelt wie Eigenleben bei den Leseproben zur Festivalinszenierung: da die Schauspieler einander nicht verstehen, klopfen sie jedes Mal, wenn sie ihren Text zu Ende haben, mit der leichten Faust auf den Tisch. Das könnte so manche Diskussion kultiviert verlaufen lassen, so wie das anregende Gespräch zwischen Axel Timo Purr und Sedat Aslan bei den arteshots zum Film; sie zitieren die Geste gestisch.

Die Titel folgen erst nach einem langen Prolog.
Ordentlich epigonal: der Regisseur versteht sich in der Tradition von Kiarostami und im Hinblick auf Frankreich sieht er sich näher bei Renoir als bei Robert Bresson.

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