Eine sanfte Emanzipationsgeschichte aus dem frühen 19. Jahrhundert
Der Film von Stefan Jäger nach dem Drehbuch von Kornelija Naraks schildert nicht, wie möglicherweise der Titel vermuten lässt, die berühmte Künstlerkolonie in den Bergen hinter Ascona am Luganersee in der Schweiz, schildert diese nicht als Top-Thema oder als informatives Reenactment.
Die Künstlerkolonie spielt hier Kulisse als auch Therapieort im Leben von Hanna Leitner (Maresi Riegner). Diese lebt in den strengen k. u. k. Zwängen Wiens zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Ihr Mann Anton (Philipp Hauß) ist Fotograf. Die Familie lebt mit zwei Kindern großbürgerlich in einer prächtigen Wohnung. Die Schilderung dieser Lebensverhältnisse zeigt, dass dem Film an glaubwürdiger Darstellung des Milieus liegt, dass er versucht, dieses schön dokumentarisch-museal wiederherzustellen. Auch die Sprache der Menschen untereinander ist höfisch-formal zu nennen.
Kein Glück für Hanna. Ihr Mann ist gewalttätig. Ihre Gesundheit leidet. Der Arzt Otto Groß (Max Hubacher) verlässt Wien, um sich auf dem Monte Verita niederzulassen. Er hat selber Probleme mit Drogen. Hanna verlässt ihren Mann und folgt dem Arzt in den Tessin.
Auf dem Monte Verita macht Hanna andere, breitere menschliche Erfahrungen. Die Leiterin Ida Hofmann (Julia Jentsch) führt sie sachte in das freiheits- und wahrheitssuchende Leben der Kolonie ein.
Es kommt zu Begegnungen mit Lotte (Hannah Herzsprung), die Hanna neue Gefühlswelten eröffnet. Ebenso mit Otto Groß, dessen Therapiecredo ist, dass die körperliche Liebe heilsam sei. Dafür gibt auch er sich selber her. Ein Frauenheld sei er, meint Lotte. Für Hanna ist das eine Enttäuschung.
Hanna fängt an zu fotografieren. Das ist einer der dramaturgischen Tricks des Filmes. Von Monte Verita gibt es, so ist im Abspann zu erfahren, Fotos, deren Urheber unbekannt sind. Also schließt der Film hier gediegen und spekulativ schlüssig diese Wissenslücke, indem er Hanna das Leben auf dem Monte Verita fotografieren lässt.
Die Protagonisten ihrer Fotos dürfen sich bewegen, denn die Bilder sollen atmen. Was sie auch tun. Sie fotografiert Herrmann Hesse (Joel Basman); Isidora Duncan (Eleonora Chiocchini) und wer sich noch so alles auf dem Monte Verita aufhält und nächtens wilde Tänze ums Lagerfeuer ausführt, Ausdruckstanz übt oder tagsüber der Nacktkultur frönt.
Es sind lichtdurchflutete Bilder von Harmonie und gleichzeitig von Natur geprägt. Der Film schließt sich dieser fotografischen Begeisterung nahtlos an. Für Hanna jedenalls hat sich der Auenthalt auf dem Monte Verita ausbezahlt. Sie emanzipiert sich, wird zur selbständigen Fotografin. Sie nimmt ihr Leben ohne brutalen Gatten selber in die Hand. Und der Zuschauer hat einen ganz eigenen Blick auf dieses Künstlerexperiment mit der Vision einer neuen Gesellschaft erhalten.