Der Schein trügt

Dieser Balkan,

zerklüftet, vielfältig, vielstaatig, vielreligiös, vielsprachig; eine verwirrende Vielfalt an Geographie, menschlichen Traditionen mit Widersprüchen und Vorurteilen noch und nöcher, unterm Kommunismus unter einer Decke gehalten, brechen sie nach dessen Ende auf und aus und überziehen die Region mit blutigen Kriegen, von denen sie sich bis heute nicht erholt hat.

Künstlerisch wirkt sich das in erhöhter, heftiger, explosiver Aktivität aus und die Fragen an Gott, warum er das zulasse, bleiben unbeantwortet.

Srdjan Dragojevic hat mit Parada einen kräftigen Film zum Thema schwuler Befreiung geliefert. Jetzt treibt ihn nach wie vor die in den Magengegenden weiterwühlenden Konflikte, der weitverbreitete Irrationalismus aber auch die Kunst und ihr Stellenwert um vor dem Hintergrund von Kommunismus einerseits und der Kirche andererseits, die alle satt im Trüben fischen.

Dragojevics Film gibt einerseits Rationalität vor mit einer Kapitelung, die mit „Sünde“ in der Flüchtlingsarmut nach dem Ende des Jugoslawienkrieges beginnt und über „Gnade“, 2001, zum „Goldenen Kalb“ von 2026 vorrückt und hier in der arrivierten Kunstszene Serbiens landet.

Direkt nach dem Krieg ist der Glaubensirrationalismus groß. Der biedere Stojan (Goran Navojec), der keiner Fliege etwas zuleide tun könnte und schon gar nicht sündigen, hat plötzlich wie eine kreisförmige Neonröhre einen Heiligenschein auf dem Kopf. Ein Quacksalber kommt auf die gloriose Idee, er müsse sündigen, um das störende Ding wieder loszuwerden.

Diese Sündenversuche durchs ganze Register, die vor allem von seiner Frau Nada (Ksenija Marinkovic) mächtig unterstützt werden, entbehren nicht des Grotesken. Wie soll der arme Kerl den Nachbarn um seinen Mercedes beneiden, geschweige denn mit Nachbarin Borka (Danijela ‚Nela‘ Mihajlovic) anbandeln. Im krassen Gegensatz dazu gibt es ein Alte, die stellvertretend für viele steht, die sofort den Heiligen in ihm sehen, ihn um Heilung anflehen und ihm Geld geben.

Im zweiten Kapitel tritt der schwachsinnige Gojko (Bojan Navojec) in den Mittelpunkt. Er wird von einer kalten Richterin zum Tode verurteilt. Allerdings passiert kurz vor der Erschießung etwas Ungeheuerliches, ein typisches Balkanwunder, das das Todeskommando vor Probleme stellt und bereits das Schlusskapitel zur Kunst hin öffnet.

Dort ist Gojko ein Künstler, der plötzlich ein Bild an eine schicke Galerie verkaufen kann. Um die Kunst herum philosophiert der Film, er lässt zwei Figuren mit Kunsthunger immer wieder an den Bildern schnüffeln und schlürfen. Kunst müsse nahrhaft sein.

Die Kunst, die als Dekor im Film vorkommt, reicht für eigene Erörterungen. Im Andy-Warhol-Stil gibt es eine Tafel „Democracy light“, so berauschend wie Cola-light, es gibt sozialistische Arbeiterkunst und modern abstrakte oder vom Impressionismus inspirierte, Sonnenblumenfelder mit Mädchen.

Die Kunst wächst aus den Konflikten, den Kriegen und soll die Menschen nähren; sie ist aber genau so leicht in der Nähe der Schizophrenie zu verorten, vielleicht auch der Balkanschizophrenie?

Vor allem eines wird von der Kunst erwartet: sie soll relevant sein, „Das gute Bild“. Ob dieser Film relevant ist? Irrelevant sicher nicht, versucht er doch einmal mehr, mit der zerklüfteten Realität der Balkanmenschen klar zu kommen; das ist das Rationale daran.

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