Harald Naegeli – Der Sprayer von Zürich

er sprayt und sprayt und sprayt
Stachel im Fleisch des Kapitalismus

Künstlerbiopic von Nathalie David nach einer Idee von Peter Spoerri als Pamphlet gegen eine einseitig kapitalistische Rechtssprechung. Und sprayt und sprayt.

In den späten 70er Jahren taucht in Zürich ein Phänomen auf. Überall auf öden Betonmauern erscheinen plötzlich tanzende Strichmännchen, Minimalkunst, belebend. Sie erheitern das Publikum und machen Eigentümer wütend, für die das Wandbeschmutzung, Eigentumsdelikte sind, Minderung des Eigentumswertes, Sachbeschädigung. Niemand wusste, wer der Urheber oder die Urheberin dieser Kunst war.

Bis die Öffentlichkeit überhaupt dahinter kam, dass es sich um einen anonymen Künstler mit System handelte. Er selbst sieht sich als eine Wiedergeburt der Höhlenmaler. Der Kunstbetrachter könnte ihn vielleicht auch als Wegbereiter für einen Banksy einschätzen. Von dem ist hier im Film allerdings nicht die Rede.

Aber davon, dass Harald Naegli, der im Film oft unterm Pseudonym Harry Wolke zitiert wird, sich fragt, was da Sachbeschädigung sein soll, wenn er ein Mauerstück mit einem Kunstwerk aufwertet. Selbst das Kunstmuseum Zürich, das jetzt mit einem Neubau, der an Storage-Funktionalität erinnert, von sich reden macht und mit einer geliehenen Kunstsammlung, die tief im Waffengeschäft des Zweiten Weltkrieges wurzelt, ist heute noch geteilter Meinung.

Die Kunstkuratorin sieht es selbstverständlich als ein Mehrwert, wenn Harald Nägeli eines seiner neuesten Werke, es ist jetzt mit 80 endlich bei der Utopie und gleichzeitg bei einer Serie von Totentänzen angelangt, neben einer mächtigen Eingangsfigur auf der Hausmauer platziert. Aber die Liegenschaftsverwaltung des Kunsthauses denkt noch genau so, wie Nägeli es kritisiert.

Auch mit 80 hinterlässt er überall in Zürich, wohin er nach dem Exil in Düsseldorf zurückgekehrt ist, seine Spuren. Um ihn nicht misszuverstehen, er ist kein Antikapitalist, er kennt sehr wohl die Freiheiten, die der Kapitalismus bietet, ist er doch selbst ein Profiteur davon. Eine seiner Großmütter stammte aus reichem Hause und hinterließ ihrer Nachkommenschaft mehrere herrschaftliche Häuser an der Züricher Bahnhofstraße.

Nägelis Kampf gilt ausgesprochen einseitig kapitalistisch denkender Justiz, sturem Beamtentum, starrsinniger Hasuverwalterei, für diese hat er das Symbol der Wanze; für die Freiheit und Utopie zeichnet er Flamingos. Wunderbare Pointe am Rande dieses Werkes: wichtige Dokumentationsarbeit haben die Polizeifotografen geleistet. Joseph Beuys verteidigte Nägeli als einen Vertreter anthropologischer Kunst.

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