Benedetta

In den Eingeweiden der Religion gewühlt –
oder das Wunder vom Vogelschisses

Lustvoll wühlt und bildmächtig Paul Verhoeven, der mit David Birke auch das Drehbuch geschrieben hat nach Judith C. Browns „Immodest Acts: The Life of a Lesbian Nun in Renaissance Italy“, in all dem, wovon die Religion lebt, ihrem Nährboden, indem sie es verbietet: Geschlechtlicher Genuss, Lesbiertum, Hypokrisie, Lügen, Angebliche Gotteserscheinungen, das Kind der Schwester Oberin, Wunder, das hierarchisch opportunistische Denken, Folter und Verbrennungen und geißelt diese Kirche damit selbst höchst bilderregt.

Katholizismus, Nonnen und wuderbare nackte Frauen, das geht hier eine weihrauchgewchwängerte Bildmelange ein, auch wenn dadurch keinerlei neue Erkenntnis zum Thema gefunden wird.
Insofern reiht sich Verhoeven fugenlos ein in die christlich-religiöse Ikonographie, sofern sie nicht reine Anbetungskunst ist, selbstveständlich im Meisterstatus.

Benedetta wird als Kind vom Vater ins Kloster eingeliefert. Dass das kostet und zwar nicht wenig und dass das Kloster ein einträgliches Geschäft damit macht, das zeigt der Film mehrfach deutlich. Aber er zeigt auch schon auf dem Weg der kleinen Gesellschaft mit einer Sänfte zwischen zwei Pferden, in denen das Kind sitzt, dass dieses eine gewisse Affinität zu Wundern hat.

Berittene Halunken wollen die Reisegesellschaft ausrauben. Außer einem Goldkettchen gibt’s nichts. Wie die kleine Benedetta heftig betet, schält sich ein Vogel aus einem buschigen Baum und kackt einem der Räuber auf den Kopf. Auch die verstehen das Zeichen des Himmels, geben das Kettchen zurück und nehmen Reißaus.

Im Kloster der Theatinerinnen von Pescia wird noch die Einlieferung geschildert, dann macht der Film einen Sprung zur erwachsenen Benedetta (Virginie Efira). Nach wilderotischen Christusträumen hat sie plötzlich blutige Stigmata an Händen und Füßen und bringt Frau Oberin (Charlotte Rampling) in Schwierigkeiten.

Noch bedrohlicher wird die politische Situation im Kloster, wie der Wildfang von von Vater und Brüdern misshandelter junger Frau Bartolomea (Daphne Patakia) im Kloster Schutz sucht. Der Vater von Benedetta, der gerade zugegen ist, sponsert die Aufnahme ins Kloster, denn Bartolomeas Familie hat das Geld nicht.

Im Kloster aber ist dem sündigen Draht zwischen den beiden Frauen nichts entgegenzustellen, keine Kasteiung, keine Beichte, nichts hilft, das Verlangen ist stärker. Erst richtig los geht es, wie die Oberin abgesetzt wird und Benedetta deren Stelle übernimmt; jetzt hat Benedetta ein exklusives kleines Apartment für sich und ihre Affäre.

Es gibt wenig Geheimnis in so einer engen Gemeinschaft; somit sind Gerüchten und Denunziationen Tür und Tor geöffnet. Die abgesetzte Oberin holt den Nuntius (Lambert Wilson) herbei, der die Sünderinnen auf den Scheiterhaufen bringen soll. Mit ihm erreicht auch das Thema der Pest die Stadt. Man erinnert sich an die jüngste Pandemie der Menschheit und kann nachvollziehen, dass die Stadt die Tore nicht öffnen will. Für den Kinogourmet hält der Film nebst viel Wollüstigem selbstverständlich auch genügend Grauen, was Menschen sich anzutun fähig sind, bereit.

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