Hannes

So süß wie Degeto,

kann ich alleweil, wird sich Regisseur Hans Steinbichler gesagt haben, und hat den Stoff von Rita Falk, den Dominikus Steinbichler zum funktionablen Drehbuch umgearbeitet hat, so aufregend süß und rührstückig aufgeschäumt, dass selbst die bei Degeto einen Zuckerschock bekommen haben dürften.

Die Geschichte der beiden erdbeersüßen Freunde ist reinster Süß-Schmerz-Degeto-Stoff.

Hannes (Johannes Nussbaum) und Moritz (Leonhard Speicher) sind seit frühester Jugend beste Buddies, zur Welt gekommeh nur mit einer Minute Unterschied, was zum Zeitpunkt der Geburt eine lange Zeit ist und für immer den einen zum älteren und den anderen zum jüngeren klassifiziert.

Jetzt sind sie volljährig, machen gemeinsam eine Motorradtour über Alpenpässe. Moritz‘ Motorrad hat einen Defekt. Hannes repariert notdürftig und bietet an, dieses riskantere Gefährt zu fahren. Dabei verunfallt er.

Zum Glück ist das vor Corona gefilmt worden. Es gab genügend Auswahl an luxuriösen Intensivstationen. Für Hannes gibt es eine, die supergroßzügig einem Saal gleicht, auch hier: Krankenhaustraumbilder; das dürfte eher nicht dem Klinikalltag entsprechen, aber wir sind ja bei Degeto, da darf alles eine Nummer süßer, märchenhafter, unrealistischer sein.

Der Motorradunfall von Hannes ist eine gute Ausgangssituation für eine Rühr-Geschichte. Wie geht Moritz – und auch die übrige Umwelt von Hannes – damit um? Moritz handelt hingebungsvoll, legt sich zu seinem Freund, liest ihm vor, Kerouac; die beiden waren gerade dabei, einen Lateinamerikatrip mit dem Motorrad zu planen.

Steinbichler hat für diese Degeto-Rollen schnuckelige Jungdarsteller ausgewählt, wie sie selbst Degeto nicht täglich findet. Und er hat – das kommt einem schon fast gespenstisch vor – Hannelore Elsner wiederauferstehen lassen, die eine alte Schullehrerin spielt, die in einer von Nonnen geleiteten Anstalt ihre Pfleger vernaschen darf. Einer davon war Hannes. Für ihn springt Moritz ein.

Es gibt puderzuckersüße Rückblicke an Teenager-Urlaub mit Freunden, nackt in den See springen oder auf dem Motorrad zur nächsten Tankstelle fahren.

Heiner Lauterbach darf todernst einen seriösen Klinik-Arzt spielen.

Steinbichler hat den Blick für immer wieder aufregende Bilder und die entsprechende Montage. Andererseits schleicht sich das Gefühl einer hohen Routine bei seiner Tätigkeit ein, weil er ja weiß, wie mit Bildern umgehen, die Darsteller ins rechte Licht zu setzen. Also garantiert kein schnöder Fernsehrealismus.

Ob aber ein heutiger Mensch so ein Kino sich wünscht, was doch eher wie gehobene Fernsehzuckerware daher kommt und die dann noch die Musik ärger als auf die Mayonnaisetube drücken lässt und zwar dauernd. Die Musik als Fettschock nebst dem Zuckerschock durch Bilder und Geschichte.

Als i-Tüpfelchen hat der Koma-Patient vorher noch rechtzeitig, der inzwischen fremd gegangenen Freundin einen Braten ins Rohr geschoben. Da kann Degeto einfach nicht Nein sagen. So wie die Freunde den Mackie Messer von Brecht zitieren: da wo Du hingehst, gehe auch ich hin; was Brecht wiederum aus der Bibel geklaut hat. Und auch der Satz ist, das zeigt dieser Degeto-Film, nicht mehr als eine süße Lebenslüge.

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